Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1897)
- Date
- 1897-07-01
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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154 anderen, die Mutter zum Kinde, und einer jener glänzenden Zufälle, die es auch in der Geschichte der Litteratur gibt, tritt uns hier entgegen, daß gerade des letzten Propheten, Maleachi, letztes Wort, das von der Verheißung spricht, daß EliaS der Prophet wiederkehren werde vor dem großen Gottestage, verkündet: Und er wird zurückführen und hinwenden das Herz der Eltern zu ihren Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Eltern. Wenn diese Continuität des Gemütes unter den Juden erhalten bleibt, dann hat auch die Continuität des Geistes eine gewisse Berechtigung. Nun noch Eins. Alle alten Culturvölker haben eine Vorstellung von einem goldenen Zeitalter. Das ist sehr begreiflich. Wenn die Menschen in die Wirklichkeit des Lebens hineinblicken sehen sie, daß das Dasein brüchig, mangelhaft, unzulänglich ist. Man sehnt sich nach einem Zustande der Vollkommenheit und was die Wirklichkeit nicht bietet, das erzeugt die dichtende Phantasie. So entsteht die Vorstellung von einem goldenen Zeitalter, welches einmal gewesen ist, von einem goldenen Zeitalter, das aber in der Vergangenheit liegt, und von welchem herab der Verfall immer tiefer und tiefer steigt. Auch das Judentum hat aus dem Geiste seiner Propheten eine Vorstellung von dem goldenen Zeitalter geschaffen; es ist die Messianische Zeit, aber es unterscheidet sich .dieses goldene Zeitalter dadurch, daß es nicht in der Vergangenheit liegt, sondern in der Zukunft. Nicht absteigend von dem Ideal lebt die Menschheit, sondern aufsteigend soll sie leben. Das goldene Zeitalter der messianischen Idee ist nicht eine Phantasie, sondern eine Aufgabe. Es ist die Aufgabe der Menschheit, die Messianische Zeit herbeizuführen. Nun haben wir zwar in der Bibel auch eine Erzählung, welche gleich ist jenen Erzählungen des goldenen Zeitalters, die Erzählung vom Paradies und vom Sündenfall; wiederum eine höchst merkwürdige litterarische Thatsache. Ich glaube, man kann heute kein Buch, keine Novelle, keinen Roman oder ein wissenschaftlich ernstes Buch lesen, ohne daß man im Laufe der Lektüre einen Anklang an die Vorstellungen, Paradies, Schuld, die Schlange als Verführerin u. s. w. begegnet. Dahingegen aber, wenn wir die ganze Bibel durchlesen, finden wir mit Ausnahme der ersten Kapitel der Genesis niemals wieder eine Erinnerung an das Paradies und was daran hängt. Kein Denker und Dichter, kein Prophet und kein Psalmist hat je wieder vom Paradies geschrieben oder auf dasselbe hingewiesen. Das Paradies der Vergangenheit entspricht nicht ganz dem jüdischen Geiste, das Paradies der Zukunft der Menschheit, die Messianische Zeit, das war da- Sinnen und die Sehnsucht des jüdischen Geistes. Es giebt in der That einen durchgreifenden Unterschied zwischen den Poesien der arischen Volker und der hebräischen. Bei den arischen Völkern überwiegen vorzugsweise Epos und Drama, Erzählung und Darstellung von Ereignissen, Schicksalen, Charakteren, Verwicklungen und ihre Lösungen und daneben allerdings auch lyrische Poesie. Das, was hier die Aufgabe der Poesie ist, wie sie in der That auf den Menschen wirkt, ist doch offenbar dies: Man erzählt oder stellt dar das,