Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1897)
- Date
- 1897-07-01
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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150 In Israel waltet seit alten Zeiten eine unvergleichliche Continuität des Geistes, eine Überlieferung von Generation zu Generation, um den einmal geschaffenen geistigen Gehalt nicht wieder verloren gehen zu lassen, ihn festznhalten und durch Jahrhunderte zu tragen. Die Worte, mit denen jeder Priester und Prediger in der Synagoge, aber auch in jeder Kirche das Volk segnet: „Er segne und behüte dich" u. s. w., die Worte sind genau dieselben, welche Moses dafür eingesetzt hat: Also sollt Ihr das Volk segnen! Diese Worte haben sich durch all die Jahrhunderte und Jahrtausende erhalten. Boas heiratet die Ruth; seine Freunde und Nachbarn wünschen ihm Glück dazu. Und wie lautet der Glückwunsch? „Möge dein Haus werden wie das Haus des Perez." Eine alte historische Erinnerung an den Urahnen Perez wird festgehalten, indem man gratuliert. Was Ihnen doch Allen geläufig und bekannt ist: Wenn ein jüdischer Vater sein Kind segnet, mit welchen Worten segnet er es denn? Mit denselben Worten, mit welchen der Erzvater Jakob bereits seine Enkel gesegnet hat. Auch die Griechen kannten den Wert der Continuität des Geistes sehr gut. Es giebt eine schöne Legende, welche heißt, die Kämpfer bei Marathon sahen die Heroen der Vorzeit in ihren Reihen kämpfen und dadurch siegten sie. In der That, die Heroen der Vorzeit haben mitgekämpft, denn die Erinnerung derselben lebte im Herzen und in der Seele der späteren Enkel und diese Erinnerung stählte die Kraft ihres Mutes, stählte ihre Nerven und sie sind dadurch siegreich geworden. Bei den Rabbinen finden wir aber auch eine Legende ganz anderer Art' — die Verschiedenheit gegen den griechischen Geist machte sich sofort auch darin geltend — eine Legende über die Continuität des Geistes. Als die Kinder Israels durch die Wüste zogen, trugen sie bekanntlich zwei Laden mit sich. Die Völker der Welt standen am Rande der Wüste und fragten die Gemeinde Israels: Was sind denn das für zwei Laden, die Ihr da traget? Und man antwortete ihnen: „Die eine ist die Bundeslade, die andere ist die Lade mit den Gebeinen Josefs." Und die Völker fragten: „Wie mögt Ihr doch die' Lade eines Verstorbenen tragen neben der Lade des ewig lebenden Gottes?" Es soll durch diese Allegorie ausgedrückt werden und tritt deutlich daraus hervor: Nur bei einem Volke, welches auch die Vergangenheit festhält, die Lade des Altvorderen durch die Wüste des Lebens trägt — nur bei einem solchen Volke ist zu hoffen, daß es auch die Lade des ewigen Gesetzes, der ewigen Fortentwicklung ebenfalls mit Erfolg ehren wird. Findet nicht diese Continuität des Geistes bei allen Kulturvölkern statt? Wäre es denn denkbar, daß eine Kulturentwicklung stattfindet, ohne daß sie von einer solchen Continuität getragen ist? Nun wohl, im Allgemeinen findet sie statt, es giebt aber beträchtliche und sehr auffällige Ausnahmen. Die Schicksale der Völker sollten ihr Lehrmeister sein, aber sie sind es sehr selten. Aber auch ganz bestimmte Erzeugnisse der Kultur, von denen man meinen