Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1897)
- Date
- 1897-07-01
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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-- (»'4-S'rTTWfJ- ---v- , •> — 149 — Noch ein anderer Gedanke kommt zu gleicher Zeit zum Ausdruck, welcher ebenfalls in der ganzen alten Welt Israel eigentümlich war, nämlich: „Einerlei Recht für Alle", heißt es, „für Alle, auch für den Fremden." Im ganzen Altertnni gab es diesen Gedanken eines Rechtes für den Fremden nicht. Man hat vielfach, besonders bei den sanfteren Völkern, die Fremden mit Wohlwollen und Gastfreundschaft behandelt, aber ein Recht hatten sie nicht. Hier jedoch, in der jüdischen Gesetzgebung, wurde ausdrücklich gefordert, daß der Fremdling in Bezug auf das Gesetz und Recht den Einheimischen gleich sein soll. Mit zwei Worten, „kager kaesroch," mit diesen zwei Worten: „Wie der Einheiniische, so der Fremdling", hat Israel einen tiefen Einschnitt in die Geschichte der moralischen Entwicklung der Menschheit gemacht. Abrahams ist bereits gedacht, daß er von Ort zu Ort zog. auf besonderen Befehl Gottes, wie erzählt wird. Er trat eine Wanderung an und wir sehen denn auch im Laufe der Geschichte Israels, daß immer dort, wo sich ein Markstein befindet, wo ein neuer Fortschritt stattfindet, dies immer mit einer Wanderung geschieht. Viele der Wanderungen waren ein schweres Verhängnis, aber zugleich eine Gnade für Israel, denn mit den Wanderungen sind immer auch Wandlungen verbunden. Die Griechen rühmten sich, Autochthonen zu sein, in dem Lande geboren. Sie waren es gar nicht, wie heute die Wissenschaft sehr wohl weiß» aber sie rühmten sich dessen, sie glaubten es. Israel hat nie behauptet, irgendwo und irgendwänn autochthon zu sein. Zu Israel kommt als Gast der Schwiegervater des Moses, und nun wird uns erzählt: Das Volk, eben aus Egypten gezogen, war noch ohne irgend eine feste Organisation. Der Gedanke der Organisation, der Einrichtung der Magistraturen, wird nun von Jethro, dem Schwiegervater des Moses vorgeschlagen und acceptirt. Hätte je ein anderes Volk zugestanden, den wichtigsten Gedanken seines gesammten Lebens einem Fremden zu verdanken? Das ist auch eines der glänzendsten Zeugnisse für die Wahrheitsliebe der biblischen Darstellung, daß offen bekannt wird: Nicht von Moses, auch nicht von Gott kam der Gedanke dieses Reglements, dieser Einrichtung der Magistraturen, sondern von einem Fremden; Moses trägt sie vor Gott und sie wird angenommen. Schwerlich hat je ein anderer Stamm so harte und so schioere Schicksale über sich ergehen lassen müssen, wie Israel und es ist dennoch bestehen geblieben eine unvergleichliche, aber auch fast unbegreifliche Lebenslust. Dieses israelitische Volk wird geplagt und gehetzt durch Jahrhunderte, zu Tode gegeißelt und geärgert von allen Seiten. Und doch an den allerwichtigsten Tagen des Jahres, in den feierlichsten Gesängen und Gebeten kehrt immer wieder das Gebet um Leben, immer wieder das Gebet um die Kraft, festzustehen, da, wo die Vorsehung das Volk hingestellt hat, immer das Gebet, es am Leben zu erhalten.