Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1897)
- Date
- 1897-06-01
- Page
- Seite 142 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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142 eines messianischen, völkerversöhnenden und verschmelzenden Zustandes als die göttliche Sendung Israels vor, deshalb konnte es in der Ausbildung eines ausschließenden Nationalitatsbewußtieilis nicht das Heil der Völker, am allerwenigsten sein eigenes Heil erblicke». Während das Judentum im Mutterlande der Auflösung entgegenging, nahm es schon in der Diaspora seine auf die Menschheit gerichtete Mission auf. Zerstreut und vaterlandslos haben die Juden eben dadurch erst die Blicke der heidnischen Welt auf ein Ideal, ans das allen Menschen gemeinsame „Malchuth schomajim" gerichtet. Die Juden beten an den heiligsten Feiertagen um Vereinigung der Menschen zu einem Bunde, um den Willen Gottes zu erfüllen. Wir würden daher den Geist unserer Religion verleugnen, wenn wir unsere nationale Wiederherstellung betreiben und durchsetzen würden, sei es selbst in der Weise, daß uns Palästina von den Mächten überwiesen und garantiert würde, wir würden damit das Urteil Jener gutheißen, welche unsere zweitausendjährige Diaspora als ein Zeichen unserer Verwerfung durch Gott betrachten. Wenn man den Juden, welchen in ihrer bisherigen Heimat der Kampf um's Dasein allzusehr erschwert wird, Gelegenheit giebt, sich anderwärts anzusiedeln, so ist das in hohem Grade verdienstvoll, aber es ist durchaus verkehrt, und streitet wider den Geist des Judentums und seiner Geschichte, wenn diese Thätigkeit mit nationalen Bestrebungen verquickt und als die Einlösung pro- „ phetischer Verheißung hingestellt wird. Niemals ist von irgend einer berufenen Seite an die Gesammtheit der Juden der Ausruf zur Wiedergewinnung der nationalen Selbständigkeit ergangen, da eben nach Gottes-Plan die Diaspora ihre vorbestimnite Stelle einnimmt. Zion galt und gilt den Juden als Symbol ihrer eigenen, aber auch die ganze Menschheit umfassenden Zukunft. In diesem Sinne ist die Bitte um Rückkehr nach Zion zu verstehen. Für die Juden giebt es nur Eine Richtschnur daß sie an ihrem Glauben festhalten und nicht »in den zweifelhaften Preis wieder eine Nation zu werden, auf das Verdienst verzichten, überall ans Erden Zeugnis abzulegen von der Wahrheit des Prophetenwortes, das noch seiner Erfüllung harrt: „Es wird der Ewige König sein über die ganze Erde, an jenem Tage wird der Ewige einzig seiil und sein Name einzig sein." Es ist erfreulich, daß der Herr Oberrabbiner den Standpunkt des Reformjudentums in dieser Frage vertritt. Entfaltung der Humanität nicht der Nationalität muß unsere Losung sein. — In Wachen an der Donau starb jüngst ein armer Hausirer. Er hieß Salomon Ullmann, zählte 97 Jahre und war für die Waitzner Judenschaft gewissermaßen eine historische Persönlichkeit. Salomon Ullmann war nämlich derjenige gewesen, der im Jahre 1836 beim damaligen Bischof Grafen Franz Radasdy die Niederlassungserlaubnis erwirkt hatte. Bis dahin war den Juden der Aufenthalt in Waitzen nur Tags über gestattet; wer dort übernachten wollte mußte für zwei Groschen eine Duldungskarte lösen. Nach einer harten Winternacht des Jahres 1836, in welcher der arme Hausierer ver-