Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1897)
- Date
- 1897-06-01
- Page
- Seite 141 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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— 141 — hielt Herr Professor Dr. Eornill aus Königsberg einen Vortrag über „die Psalmen in der Weltlitteratur". Nach einigen einleitenden Bemerkungen über den Begriff „Weltlitteratur" und dessen Auffassung durch Herder und Göthe stellt der Vortragende als Kriterium für die Aufnahme eines dichterischen Werkes in die Weltlitteratur die folgenden zwei Punkte fest: Zunächst müsse dasselbe ein poetisches Kunstwerk von hoher Vollendung an sich, dann aber Müsse es von allgemein menschlicher Bedeutung sein und doch den nationalen Standpunkt des Volkes ausprägen, dem es entsprossen. Alle diese Bedingungen erfüllen die Psalmen. Die Schilderung, die der Redner nunmehr von der künstlerischen und religiösen Bedeutung der Psalmen entwarf, war im eminenten Sinne des Wortes ein Meisterwerk. — Der ehemalige mohamedanische Bürgermeister von Jerusalem Jussuf Zia Pascha El-Chalidi stattete jüngst dem Bürgermeister Dr. Lueger in Wien einen Besuch ab. Jussuf Pascha brachte auch das Gespräch auf die Juden, und hob nachdem er betonte, daß in Jerusalem Mohamedaner, Christen und Juden friedlich zusammen leben, als besonders bemerkenswert hervor, daß dieselben in Palästina im Vergleiche zu den Mohamedanern und Christen das kleinste Contingent von Verbrechern stellen; in Palästina denke deshalb Niemand daran, die Inden als eine inferiore Classe anzusehen. — Die „Wiener Zeitung" vom 22. April enthält die amtliche Mitteilung, daß Se. Majestät der Kaiser dem Herrn Oberrabbiner Dr. Güdemann das Ritterkreuz des Franz Joseph- Ordens zu verleihen geruhte. Daß diese Auszeichnung, dem verdienten Herrn Oberrabbiner am] Tage der Vereidigung des Bürgermeisters Dr. Lueger zu Teil wurde, verleiht ihr ein weit über das Persönliche hinausgehende Bedeutung. — Am 25, 26 und 27. August findet in München ein Weltkongreß der Zionisten statt, an dem auch Herr Dr. Theodor Herst über die Judenfrage und der nächste diplomatische Congreß referieren wird. — Am 9. Mai starb in Frankfurt a. W. Herr Bankdirektor Moritz Hahn. Derselbe gehörte dem Mendelssohn-Verein seit dessen Gründung als Mitglied an, dessen Bestrebungen er stets mit lebhaften Interesse verfolgte. — Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann veröffentlichte eine Schrift „Nationaljudentum" gegen den Zionismus, in welcher auch folgende Gedanken zu Ausduck kommen. Daß die Juden einst ein Volk waren, ist eine geschichtliche Thatsache, Der Vvlksbegriff war aber unzertrennlich von dem Gottesbegriff. Gott hat Israel zu seinem Volke und damit überhaupt zu einem Volke gemacht. Autochthonie nahm Israel nie für sich in Anspruch, es ist nicht so sehr Besitzer als vielmehr selbst Besitz und zwar Gottes. Es findet seinen Beruf nicht durch territoriale oder nationale Grenzen beschränkt, sondern Blick und Sehnsucht sind auf Etwas Höheres, Ewiges, Allgemeines gerichtet. Dadurch fühlte es sich von den Völkern unterschieden und über sie erhoben. Der Beruf Israels nach der Zerstörung des Reiches besteht in der geistigen Wirkung auf die Menschheit; seinen Propheten schwebte eine Herbeiführung