Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1897)
- Date
- 1897-05-01
- Page
- Seite 111 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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111 erblindeten Manne geschrieben, sehen die Züge ans, als hätte eine Dame am eleganten Schreibtische sie so zierlich gezirkelt. Der erste Buchstabe ist so akkurat wie der letzte, da giebt es keine Radierung, keine Verbesserung, keinen Klex, das Ganze erscheint wie eine Lithographie. Und so bis zur letzten meteorologischen Aufzeichnung. Man nimmt an, daß Emin am 23. Oktober 1892 in Kinena am Kongo ermordet wurde, und unter diesem Tage steht in den zierlichen, sauberen Buchstaben: „Samstag, 23./10. 92. Dunkles Wetter. Hoher Barometerstand." — In Wien wurde der Kaiser!. Rath Herr Heinrich Klinger zum Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde gewählt. — Aus Wien wird gemeldet: Ein Schüler der siebenten Realschulklasse, Rudolf von Gntmann, Sohn des verstorbenen Großindustriellen Wilhelm von Gutmann, hat eine wichtige Erfindung geinacht. Er stellte Rvntgenstrahlen ohne den Röntgenapparat mit einer gewöhnlichen Influenzmaschine her. In den Reihen der Ärzte wurden Versuche angestellt, und die Ergebnisse fielen höchst günstig aus. — Gegenüber den Meldungen antisemitischer Blätter, der Kaiser von Österreich habe Lueger beim Ball der Stadt Wien mit den Worten: „mein lieber Doktor Lueger" angesprochen, wird berichtet, der Kaiser hatte bei der Hoftafel am 13. März Gelegenheit genommen, diese Meldung dem Grafen Wilczeck gegenüber als unrichtig zu bezeichnen. — Über den verewigten Kronprinzen Rudolf fanden sich in dem handschriftlichen Nachlasse eines vor Kurzem in Kudapest verstorbenen jüdischen Redakteurs, der in freundschaftlichen Beziehungen zu dem unglücklichen Königssohne stand, mehrere Aufzeichnungen, welche infolge ihres Inhalts an Aktualität nichts verloren haben. Aus dem anläßlich der Jahreswende des Todestages veröffentlichten Teile sei Folgendes hervorgehoben: „Der Kronprinz verurteilte in unverblümter Weise oie antisemitische Bewegung der letzten Jahre, und Niemand war mehr erstaunt als er, als ihm in Ungarn eine judenfeindliche Gesinnung impntiert wurde." — Großes Aufsehen erregte in Ungarn die Rede des Domherrn Komlolsy gegen die antisemitische Volkspartei in Kudapest. Als man ihm entgegenhielt, daß er früher selber Antisemit gewesen sei, entgegnete er, er habe inzwischen oie Erfahrung gemacht, daß die Juden patriotische Bürger seien, während die Volkspartei dem Staate Schaden bringe und die Katholiken in zwei Parteien spalte und so die Kirche schädige. -- Herr Rabbiner Simon Ehrenfeld aus Nagy Mihuly hat sein Amt als Rabbiner der Synagoge in der Schiffsgasse („Schiffschul") in Wien angetreten. — In einem Aufsatz der jüdischen Chronik schreibt Herr Rabbiner Dr. Ziegler ans Karlsbad: Freiheit und Ghetto- Judentum sind einmal unvereinbar. Wer jedoch diese beiden Wege nicht betreten will, oder wenigstens nicht freiwillig betreten will, und das sind wir Juden in West-Europa nahezu alle, wer für die Judenheit die volle bürgerliche, staatliche Gleichberechtigung fordert, der muß ein für allemal sich begnügen mit dem religiösen Zustand, den die Christenheit einnimmt: wie diese nur Bekenner hat, die sich nur bezüglich der Gläubigkeit sondern, so wird es nur Bekenner der jüdischen