Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1897)
- Date
- 1897-04-01
- Page
- Seite 78 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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78 Gewiß, wir Juden haben heute als Geschäftsleute keinen eigentlichen Sabbat, keinen Ruhetag. Und dort, wo wir ihn nach Möglichkeit halten, haben wir eigentlich zwei halbe Ruhetage, den Sabbat, an welchem wir nur die allernotivendigsten Geschäfte erledigen, und den Sonntag, an welchem wir entweder uns genieren, alle Arbeiten auszuführen oder diese gesetzlich durch unsere Angestellten nicht ausführen lassen dürfen. Wie leid thut es dem Vater, nicht seinen Sohn und seine Tochter, welche die höheren Schulen besuchen, am Sabbat mit zum Gotteshause führen zu können. Wie wehe thut es ihm, daß am Sabbat sich nur womöglich Einer aus dem Hause bezw. offenem Geschäfte am Gottesdienste beteiligen kann. Gewiß, ein gemeinsamer Ruhetag mit unfern Mitbürgern würde das Bild mit einem Schlage ändern. — Gar bestechlich ist der Vorschlag. Aber ehe wir mit wehenden Fahnen Herrn Levinstein, trotz seiner guten Meinung, Gefolgschaft leisten, müssen wir uns über die Folgen einer Verlegung unseres Ruhetages recht klar sein. Nicht eine Entgegnung auf seinen Vorschlag, sondern die praktischen Folgen desselben zu beleuchten, verdanken diese Zeilen ihre Entstehung. Wenn ich auch nun nicht Gelehrter, noch Litterat, noch Theologe bin, sondern nur einfacher Geschäftsmann, der aber mitten im Leben steht, und als solcher nicht über solch' glänzenden Stil wie Herr Levinstein verfüge, so wage ich es dennoch, in meiner anspruchslosen Weise dem in Rede stehenden Gegenstände näher zu treten. Sicherlich werden 99 Prozent unserer Rabbinen sich auf den Standpunkt des non po88ninu8 stellen, und ebenso sicher werden die meisten unserer Glaubensgenossen ihnen Nachfolge leisten. Aber die Rabbinen allein machen nicht die Judenschaft aus, selbst wenn man ihre Meinung und ihren Rat in dieser Frage einholt und der eine oder andere sich für eine Verlegung des Sabbat ansspräche: wir haben nicht eine Hyrarchie im kirchlichen Sinne — bleibt also das Volk Israel, die Judenschaft. Was würde die große Masse der Judenschaft zu dem Vorschläge des Herrn Levinstein sagen, wie sich zu ihm stellen? Zunächst hebe ich in erster Linie hervor, daß ich schon allzu oft die Erfahrung gemacht habe, daß die breite Masse des Volkes bei weitem nicht so weit geistig vorangeschritten ist, als ich vordem in meiner Jugend annahm, und wie auch Herr L. anzunehmen scheint. Alsdann setzt sich die breite Masse unserer Glaubensgenossen zusammen aus Orthodoxen, und in deren Gefolgschaft die Schein- oder Neuorthodoxen, dann aus mehr oder weniger linksstehenden, endlich aus gänzlich indifferenten Elementen. Wie würde ein Vorschlag, wie der der Verlegung des Ruhetages, heute mit den oben gegebenen Faktoren wirken? Die Orthodoxen würden nie und nimmer in eine Verlegung des Sabbats willigen, sie würden sich schaudernd abwenden von denen, die ihrer Gemeinde diesen