Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1897)
- Date
- 1897-04-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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V« ' * <■*•* *v^ rjTW3?»-,-j *%-, j*T «•m»'-*'* — #> < t;H — 76 — Was Haben HHriften und Israeliten mit einander gemein? Eine Darlegung dessen, was Christen und Israeliten von einander trennt, findet heutzutage gewöhnlich eher Beifall als ihr Gegenteil. Viele gehen ja darauf aus, die zwischen beiden Teilen bestehende Kluft möglichst zu erweitern und zu vertiefen. Viele wünschen, beide durch eine immer höher werdende chinesische Mauer an jedem Verkehr mit einander zu hindern. „Christen und Israeliten haben nichts mit einander gemein und sollen nichts mit einander gemein haben," ruft man uns zu. Unbeirrt von dieser Zeitströmung, ja, im Widerspruch mit derselben, möchte ich auf einige Punkte aufmerksam machen, welche uns ohne Frage gemeinsam sind, und um derentwillen trotz aller vorhandenen Unterschiede eine Gemeinschaft nicht nur möglich, sondern wünschens- und erstrebenswert ist.— Zwischen Christen und Israeliten giebt es mehr als einen gemeinsamen Besitzstand. Ich rede z. B. von der Luft, welche alle Bewohner eines Landes einatmen, von den Bodenerzeugnissen, deren sie sich bedienen, von der Sprache, in der sie ihre Gedanken einander kundgeben, von den allgemeinen Bildungsmitteln, die sie anwenden. In letzterer Hinsicht genießen wir alle ebenso die Schöpfungen unserer Denker und Dichter, wie die Werke unserer Musiker, Maler und Bildhauer. Wie an den Gaben der Natur, so freuen wir alle uns an denjenigen der Wissenschaft und der Kunst. Ich erinnere weiter an die Gemeinsamkeit der bürgerlichen Rechte und Pflichten. Auch an der Verteidigung der Heimat nehmen alle teil. Im letzten Kriege pflückten sich Christen und Israeliten blutige Lorbeeren, und die feindlichen Kugeln trafen christliche und israelitische Kämpfer. Andererseits suchten damals beide Teile die Schrecken des Krieges zu mildern. Von ihrem schönen Zusammengehen in den Jahren 1870 und 71 weiß die Chronik des Roten Kreuzes manches zu berichten. Aber bedeutsamer als alles Angeführte ist die auf dem religiösen Gebiet vorhandene Gemeinsamkeit. Bei ihr verweilen wir etwas länger. Beiden Teilen gilt das Alte Testament als eine wichtige Religionsurkunde. Alt- und Neugläubigen auf beiden Seiten ist dies Buch teuer, wie verschieden sie es auch im einzelnen betrachten mögen. Das Alte Testament war die Bibel Jesu und seiner Apostel. Die Hochschätzung desselben seitens der Kirche hörte nicht auf, nachdem das Neue Testament hinzugekommen war. Insbesondere stand der Psalter allezeit in hohem Ansehen. Die Liebe zu den heiligen Schriften Israels bekundete die Christenheit auch gegenüber äußeren Vergewaltigungen, und so trägt das Alte Testament auch christliche Blutspuren. Desgleichen standen auf dem Schlachtfeld der Wissenschaft allezeit christliche Gelehrte neben israelitischen, um dem uralten Erbauungsbuch Ritterdienste zu leisten. Wie großartig ist die dem