Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1897)
- Date
- 1897-03-01
- Page
- Seite 65 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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65 Rock, beschnallten Schuhen, den dreispitzigen Hut auf dem Kopfe, und einer Sammelbüchse, in Gestalt eines großmächtigen irdenen Gefäßes in der Hand. Dieser Leichendiener, mit seinem äußerst drolligen Wesen, seinen possenhaften Manieren und Bewegungen, hielt die Heiterkeit des Publikums in fortwährender Steigerung, besonders wenn er seinen langen Arm mit der Sammelbüchse nach Rechts und nach Links schwenkte, nnd das so urkomisch betonte „Zu Meß-Mizwa!" hinausrief, wobei immer einige Wohlthäter aus der Umgebung, Männchen und Weibchen, Jung und Alt, jeder sein Scherflein, da einen Messingknopf, entwertete Scheidemünzen, dort aufgelesene Glasscherben, Kieselsteinchen u. dgl. hineinwarfen, da durchzitterte schallendes Gelächter den ganzen Luftkreis, selbst die jüdischen Zuschauer, wenn der Zug an ihren Häusern vorbei passierte, konnten sich eines Lächelns nicht erwehren, und kam bei ihnen ein helles Auflachen nur deshalb nicht zum Ausbruche, weil sich in ihr Gefühl zugleich die traurige Wahrnehmung mischte, daß es mit der Moral jener Menschenklasse sehr arg aussehen müsse, wenn zur Befriedigung ihrer Vergnügnilgs- und Spottsucht ein in das Gemüt tief einschneidendes Thema — Verhöhnung einer Leichenbestattung — herbeigezerrt werden konnte. Kurz, es gab ein Schaustück, einen Maskenaufzug, wie man sich ihn nicht toller denken mochte, und wie er dort seit Erfindung der Verstellungskunst noch nicht gesehen worden ist und wahrscheinlich auch nimmermehr gesehen werden wird. Endlich war das Spektakel aus. Die Menge in freudig gehobener Stimmung kehrte mit dem ganzen Apparate wieder zu dem Ausgangspunkte zurück, um die unterbrochene Zeche dort, wo man geblieben war, fortzusetzen. Nun ward der Mistschragen mit der teuern Last von den Schultern abgehoben nnd sanft zur Erde gesenkt. Jetzt drängt Alles an dieselbe heran, ein jeder wollte der erste sein, uni den ausgezeichneten, schier beneideten Leichenkünstler zu applaudieren. Er aber wollte sich nicht zeigen. Mehrere Minuten vergingen. Er machte keine Miene zu erscheinen. Freilich, es war ja nicht zu verwundern, wenn er auf den sechsfüßigen Schultern so angenehm, nur so in der Luft schwebend, eine solche Tour gemacht, vor Wonne eingeschlummert war. Endlich mußte er ja doch geweckt werden. Man zupfte an der Decke. Noch immer hielt er die Leute zum besten. Des Wartens müde zog man ihm nun die schwarze Decke mit einem gewaltigen Rucke herab. Aber, o Himmel! welch schreckliche Überraschung? Man traute seinen Augen kaum. Es war kein Schlummer, der ihn gefesselt hielt, es war wirklich der ewige Schlaf auf seinem Antlitz ausgesprochen. Tot! tot war er, er, der so wundervoll, so hinreißend schön die Judenleiche repräsentierte. „Tot ist tot!" rief Alles. Die vom herbeigernfenen Arzte angestellten Belebungsversuche blieben erfolglos. Starr vor Entsetzen, zugleich auch tief beschämt, schlichen die Anwesenden hinweg von der Unglücksstätte, und mußten sich teils im Stillen, die meisten aber laut und unverhohlen gestehen: „Na, mit den Juden ist doch