Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1897)
- Date
- 1897-03-01
- Page
- Seite 63 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969837-2969841--5029-2974314- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 63 — Anwesenden herzlich begrüßt. Da noch mehrere Minuten bis zum Beginn des Gottesdienstes zur Verfügung standen, so benützte man sie, wie auf dem Lande üblich, dem Nenangekommenen auf den Zahn zu fühlen oder gar ihn in Verlegenheit zu setzen. Unter anderin richtete ein Mann, dessen Vorname Benjamin hieß, die Aufforderung an mich, ihm doch einen Bibelvers (Posuk) — als Ausweis vor dem himmlischen Throne, daß man sich auf Erden auch mit Geistigem beschäftigt hat — zu sagen, da er nicht ohne diesen Paß einst die Reise ins Jenseits antreten möchte. Anfangs- und Endbuchstabe des Verses mußten dieselben sein wie an dem Namen seines Eigentümers. Die Umstehenden waren verblüfft ob meiner Schlagfertigkeit, als ich sofort erwiderte, daß mir glücklicherweise ein ganz passender Posuk einfalle, nämlich der Segensspruch, den man über den Wein ausspricht, der wie Benjamin mit b anlind mit n anslautet. Da der Mann als ein Freund des Rebensaftes bekannt war, so folgte meiner Recitation des Posuk ein schallendes Gelächter. ■ (Schluß folgt). Gin ernster Iastnachtsscherz. Eine wahre Begebenheit. In meiner frühen Jugend verlebte ich einige Zeit in der Gemeinde Deutschkreuz, bei meinem nahen Verwandten I. Klotz, welcher viele Jahre hindurch als Vereins-Vorsteher der „Chewra-Kadischa" fungierte. Mit der Leitung dieses Amtes verband er auch die Führung einer Art kleinen Matrikel, ein von alterSher eingerichtetes Totenbuch, in welches nicht bloß Sterbefälle, sondern auch sonst beinerkenswerte, die Lokalinteressen mehr oder iveniger berührende Tagesereignisse verzeichnet wurden. In müßiger Stunde blätterte ich oft in dieser Chronik und fand manche auffallende Notizen, von denen ich die hier folgende Begebenheit heraushebe, zu deren Kennzeichnung einige Worte vorangehen mögen. Deutschkreuz, ein Marktflecken im Komitate Oedenburg, umfaßte zur Zeit nicht ganz 3000 Einwohner, darunter circa 150 jüdische Familien. Diese letzteren in ihrem angestammten friedfertigen Charakter, lebten, wie überall, auch hier mit den anderen Ortsgenossen im besten Einvernehmen, hie und da sogar in recht gemütlichen Beziehungen zu einander. Dieses einmütige Verhältnis im allgemeinen war jedoch keineswegs geeignet, bei Jenen das überkommene Erbe einer gewissen Antipathie gegen die Bekenner des mosaischen Glaubens ganz zu unterdrücken. Von der Natur eben nur mit einem schwachen Grade von Leutseligkeit begabt, glänzten sie zwar nicht durch „Rischuß"-Auslassungen und bösartige Thätlichkeiten, wie sie heute bei der weitvorgeschrittenen Kultur zur Beschämung des Zeitalters selbst in fürstlichen Palästen geübt werden. Wenn sich aber eine schickliche Gelegenheit darbot, konnten sie der Verlockung nicht widerstehen, ein bischen Judenhaß wenigstens durch beißendes Gespötte, durch Gejüdel und Gemauschel, in welchen Kunst-