Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1897)
- Date
- 1897-03-01
- Page
- Seite 62 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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62 flissenen in erhöhtem Maße ziemt. Ich hatte meine wissenschaftliche Rede (Divrei torah) und meine deutsche Ansprache, diese für die Synagoge, jene für einen kleinen ausgewählten Kreis im Hause bestimmt, nicht nur in der Tasche sondern auch im Kopfe. In der wissenschaftlichen Rede, wozu mir mein Rabbiner das passende Thema und die Disposition gegeben hatte, waren die böse Begierde (Jezer Hora) und die gute Begierde (Jezer hatow) mit einer kinderlosen und einer mit Kindern gesegneten Fra» verglichen. Wenn man, so führte ich aus, zehn Jahre verheiratet ist und keiner Nachkomnien sich zu erfreuen hat, so soll man sich scheiden lassen und sich mit einer Frau verbinden, von der man Kinder zu erwarten hat. Dasselbe gilt für die böse Begierde (Jezer Hora), mit der man bis zum zehnten Jahre verbunden ist, ohne Kinder d. h. gute Thaten (Maasim towim) zu erzielen; darum soll man sich von dieser lossagen und sich mit der guten Begierde (Jezer hatow) vereinigen, die fruchtbar ist an gottgefälligen Werken. — Meine deutsche Rede, von meinem obengenannten Lehrer verfaßt, begann mit dem Verse (Spr. Sal. 22, 6) „Gewöhne schon den Knaben an seinen Weg, dann wird er auch wenn er älter wird nicht davon weichen" behandelte in poetischer Sprache meine Pflichten als Bar mizwah und legte meine guten Vorsätze dar. Der Festtag verlief in gehobenster Stimmung. Alle beglückwünschten mich zu der schönen Rede (Droscha). Meiner lieben Freundin Gelle rannen, wie ich bemerken konnte, bei meiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung die Thränen über die Wangen. Freilich mochte die gute, hartgeprüfte Frau sich bei dieser Gelegenheit ihres dreizehnten Kindes 'erinnert haben, das nicht gar lange vorher» trotzdein sie es auf Anraten des Bal schein in Michelstadt i. O. bis zum dreizehnten Jahre in Weiß gekleidet hatte, seinen Geschwistern in den Tod gefolgt war. Meine Gelehrsamkeit hatte übrigens schon früher Anerkennung gefunden. Im vergangenen Herbste hatte ich, anlehnend an die Sidrah „wesos haberochah" einen Vortrag gehalten über den Tod Moses, nach Midrasch Jalkut, wenn ich nicht irre*). Der Inhalt des Vortrages war ungefähr folgender: Die Todesstunde für Moses war herangekommen; aber der Engel des Todes bemühte sich vergebens seines Amtes zu walten. Da nahte sich Gott selbst, um die Seele zu holen. „Meine Tochter", rief er ihr in zärtlichem Tone zu, nachdem Moses sich zum Sterben hingelegt hatte, die rechte Hand auf der Brust. Doch die Seele wollte sich aiich jetzt nicht von dem Körper trennen, der stets so rein, so ganz ohne Makel geblieben war, und nur zögernd folgte sie dem Rufe Gottes. Dieser Vortrag hatte großen Erfolg und ich selbst war von der Schilderung hoch begeistert. Nun >var diesmal noch folgende Episode zu meinen Gunsten hinzugekomnien. Als ich mich am Vorabende der Osterfeier zum Gottesdienste begab, fand ich einen großen Teil der Gemeinde vor der Synagoge versammelt und ich wurde von allen *) Der Leier wird sich wohl selbst sagen, daß ich solche Vorträge nicht ohne ausgiebige fremde Hilfe fertig bringen konnte.