Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1897)
- Date
- 1897-02-01
- Page
- Seite 40 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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40 - Talmuds gehört. Später wurde mir Schabboth eingepaukt; denn die Methode bestand in den ersten zwei Jahren vornehmlich darin, daß ich niir die Übersetzung des hebrüisch-chaldäischen Textes durch öfteres Anhören einprägen mußte. Allerdings war damit der Sinn des Gelernten noch nicht erfaßt. Die verschiedenen Talmuderklärer wurden herangezogen; es mußte alles auf das genaueste erwogen, besprochen und durch Anfwerfen von Fragen richtig gestellt werden. Wie glühten meine Wangen, wenn ich über das vorliegende Thema eine wohlbegründete Frage (Kaschieh) aufznwerfen vermochte, deren Beantwortung meine älteren Mitschüler oder gar meinen Rabbi zum Nachdenken veranlaßte, und wie pochte mein Herz vor Seligkeit, wenn es mir gelang, auf eine an mich gestellte Frage eine befriedigende Antwort (Terez) zu finden. Solche Glückseligkeiten glichen manche Mängel des Unterrichtes und der Erziehung aus. Bei der Schwierigkeit, die der Lehrstoff bot und bei der Breite, mit der er behandelt werden mußte, ward dem Schüler das angenehme Gefühl, das augenfällige Ergebnisse der Bemühung gewähren, nur sehr spärlich gegönnt. Um so ungeteilter war die Freude nach Vollendung eines Abschnittes, wenn diese auch durch nichts, was sonst Knaben zu reizen pflegt, gefeiert wurde. Der Schüler empfand trotz des jugendlichen Alters das stolze Bewußtsein, daß er sich durch seine Aufmerksamkeit und seinen Eifer etwas in sich Abgeschlossenes, etwas Ganzes erworben hatte, daß er etwas besitzt, was er sein eigen nennen und was ihm niemals verloren gehen kann. Es war ein Selbstbewußtsei», ein gewisser Stolz, mit dem er auf seine Errungenschaften blickte. Die Überladung unserer heutigen Jugend mit Büchern, ans denen oft nur wenige Bruchstücke mit ihnen durchgearbeitet werden, hat ihre großen Nachteile. Zuweilen wurden wir Bachuri m — wir waren ja gewissermaßen Rabbinatskandidaten — zu geistlichen oder vielmehr religiösen Verrichtungen heraugezogen, wie z. B. bei Sterbefällen, und ich erinnere mich, daß ich als zwölf- oder dreizehnjähriger Knabe mutterseelenallein bei einer Leiche, die schon merkbar in Verwesung übergegaugen war, in einem kleinen Kämmerlein bei trübem Öllämpcheu die ganze Nacht hindurch saß mit meinem „Menauras hamoaur" vor mir. Ob ich unablässig studiert habe, dessen weiß ich mich heute nicht mehr zu erinnern; ich glaube aber nicht, daß ich eingeschlafen bin, so weit ließ es der Stolz über das mir zugewiesene Vertrauens- und Ehrenamt nicht kommen. (Schluß folgt).