Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1897)
- Date
- 1897-02-01
- Page
- Seite 39 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Wor länger als einem halben Jahrhundert. Erinnerungsblätter von I. B. Es war im April 1844. Lange vor Anbruch des Tages fuhren wir, mein sei. Vater und ich, auf dem Bernerwägelchen des Untermüllers in die kalte, finstere Nacht hinaus, begleitet von den Segenswünschen meiner nunmehr auch schon lange Heimgegangenen, vortrefflichen Mutter. Um die Reise von D. nach Sch. im Elsaß, die heute in längstens 4—5 Stunden zurückgelegt wird, an einem Tage zu vollenden, mußte ein Teil der Nacht hinzngenommen werden. Von Straßburg aus, wohin wir noch am Vormittage gelangten, benützten wir die Diligence bis zum Städtchen B., von wo aus eine Fußwanderung von einer Stunde in Gesellschaft eines jungen Mannes, der meine Habseligkeiten beförderte, uns au meinen Bestimmungsort Sch. brachte. Zwei und ein halb Jahre verlebte ich in diesem Dorfe auf der Jeschiwah (Hochschule). Der Rabbi, bei dem ich wohnte, unter dessen Obhut ich stand und der mich unterrichtete, war weniger ein scharfsinniger Kopf (Charis) als vielmehr ein im Talmud wohlbewanderter Mann (Boki); aber besonders hatte er sich einen Namen als Kneller, d. h. als tüchtiger Dritter, erworben. Trotz seiner Gelehrsamkeit konnte er weder deutsch oder französisch lesen noch schreiben. Beten, Lesen religiöser Bücher, Talmudstudium, Spazierengehen in den Abendstunden, Schlafen, Essen und Trinken, in diesem Geleise bewegten sich. Sabbate und Festtage ansgenoinmen, die Tage, Wochen und Monate, auch die der Schüler, dahin. Nur mir, dem jüngsten Schüler — ich kam als elfjähriger Knabe dahin und wurde von den Dorfbewohnern mit „Bacherle" betitelt — war etwas mehr Freiheit als meinen viel älteren Mitschülern gestattet, so daß ich manche Stunden bei anderen Knaben mit Spiel n. drgl. Vergnügungen verbringen konnte. Mein Unterricht ging im Talmud auf; er dehnte sich über einen großen Teil des Tages aus. Als besondere Vergünstigung mußte ich es betrachten, nachinittags in der Kommunalschule bei dem Lehrer D., der später den Katheder mit der Kanzel vertauschte und jetzt noch als hochbetagter, würdiger Greis seinem geistlichen Amte in Z. vorsteht, französisch zu lernen. Freilich mußte, um die Aufgaben für diesen Unterricht fertigen zu können, öfters die Wanduhr während der Siesta des Rabbiners zurückgestelltwerden, wodurch sich seine Ruhepausen verlängerten. Manchmal kam ihm dann, wenn die Uhr wieder vorgerückt worden war, der schnelle Verlauf der Zeit ganz unheimlich vor. Die Ruhetage vergingen meistens im Nichtsthun; denn eine weltliche Beschäftigung war an ihnen ausgeschlossen, und selbst das Lesen irgend eines in deutschen oder lateinischen Lettern gedruckten Buches war verpönt. Mein Talmudstudium begann mit dem Traktat Sanhedrin. Der Abschnitt war nicht leicht, wie überhaupt Sanhedrin zu den schwierigeren Partien des