Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1897)
- Date
- 1897-02-01
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Strebertum. Aus einer Rede, gehalten von Rabbiner vr. Vogelstein in Stettin. Jetzt werden anstatt der Körper die Seelen der Kinder dem Moloch geopfert, dem Moloch der Eitelkeit, des bequemeren Fortkommens, der größeren Geltung nach außen. An die Stelle der früheren Grausamkeit ist eine grauenhafte Weichherzigkeit getreten, die Kinder sollen leicht durchs Leben gehen, darum nehmen die Eltern selbst die Fesseln, die das Judentum ihnen bei der Geburt angelegt hat, ihnen wieder ab, aus lauter Liebe natürlich, aus zärtlicher Besorgnis, daß ihnen sonst später ein Titelchen oder irgend eine Auszeichnung verloren gehen könnte. Eine schlimmere Erziehung zur Charakterlosigkeit kann gar nicht ersonnen werden. Das Band, das vieltausendjährige, das die Sprößlinge mit dem alten Stamme verknüpft, wird gewaltsam zerschnitten, ein neues wird angeknüpft; ob dieses festhält, ob es in Freud und Leid sich so innig und weich um alle Glieder . schlingt und diese so kräftigt und stählt, wie das bisherige, bleibt abzuwarten. Ja, wäre der Grund für die Loslösnng der Kinder vom Judentum in der Überzeugung von der größeren Vortrefflichkeit der Religion der Mehrheit gelegen, wir müßten mit unserem Urteil zurück halten; denn die Überzeugung muß man ehren, selbst dann, wenn sie aus dem Irrtum hervorquillt. „Die Überzeugung ist des Kriegers Fahne, mit der er fallend nie unrühmlich fällt." Allein die Überzeugung hat keinen Teil an solchem Gebühren, deß haben die Betreffenden selbst nicht hehl, das wagen sie nicht einmal Andersgläubigen gegenüber zu behaupten, eine derartige Beschönigung ihres Verhaltens kommt ihnen gar nicht in den Sinn; sie wissen auch, daß nirgends ein reinerer Gottesbegriff, nirgends eine höhere Sittlichkeit gelehrt wird, als in der jüdischen Religion. Wenn im politischen Leben jemand seine Gesinnung wechselt, die Partei,. der er bisher angehört hat, verläßt und zu einer anderen übergeht, die ihm größere Vorteile, ein schnelleres Aufrücken in der Beamtenlaufbahn und dergleichen verspricht, so pflegt man dieses Verfahren mit einem Worte zu bezeichnen, das man erst vor einig«! Jahrzehnten, wohl weil das Bedürfnis hierzu vorlag, gebildet hat, man nennt es Strebertum, und als besonders ehrenhaft oder gar charaktervoll gilt der nicht, der dem Strebertum huldigt. Und auf dem Gebiete der Religion, da sollte es nicht als ein häßliches Strebertum gebrandmarkt werden, wenn jüdische Eltern eigenhändig ihre Kinder einem andern Glaubensverbande zuführen und dadurch vielleicht gar die Reihen unserer Gegner und Widersacher stärken?- Und überdies sehen wir in den meisten Fällen, daß dieselben aufgeklärten Eltern, denen ein Gebet zu dem Einig-Einzigen wie ein M des Aberglaubens erschien, die ihren Fuß nicht über die Schwelle eines jüdischen Gotteshauses setzen mochten, auf die strenge Beobachtung der christlichen Religionsgesetze seitens ihrer