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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1897-02-01 · Heft 2 (1.2.1897) · p. Seite 26

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 2 (1.2.1897)
Date
1897-02-01
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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Denn an diesem Tage treten wir, tritt der Ärmste unserer Glaubensgenossen in die Welt, die Kant die transcedente nennt. Der Tag der Ruhe ist uns nötig zu unserem Glück, zu unserem Frieden. Aber wie wir in der That weit entfernt sind, jenen Tag zn halten, mit welcher Gleichgiltigkeit um nicht zu sagen, Nichtachtung derselbe von dem besser situierten und gebildeteren Teile unserer Gemeinde behandelt wird, wissen unsere Lehrer am besten und sie wissen eben so gut, daß ein Wandel in dieser Beziehung nicht zn erwarten ist und nicht erwartet werden kann. Auf den niederen Schulen, wie auf den Gymnasien, auf den Universitäten, beim Militär, bei den verschiedenen Anstellungeil und Berufen, sind wir, sind unsere Kinder gezwungen, den Sabbat zu brechen, das Volk Israel hat keinen Ruhetag. Der Staat verlangt, daß am Sonntag nicht gearbeitet werde und der Staat, zu dem wir gehören, hat das Recht der Bestimmung des siebenten Tages. Wir dürfen und können dieses Gesetz nicht übertreten, aber zwei Ruhetage zu halten, ist abgesehen von der Unmöglichkeit absolut gegen den Geist und Buchstaben des jüdischen Gesetzes, denn das Gebot: „Sechs Tage sollst Du arbeiten" geht dem der Sabbatruhe voraus. Ich frage im Namen des gesunden Menschenverstandes, ich frage im Namen des Geistes, der uns die erhabene Lehre am Sinai gegeben, ist es dem Gotte Jsrael's nicht gleich, ob wir den einen oder den anderen als den siebenten Tag wählen? Beherrscht denn der Aberglaube noch so weit unsere Religion, daß wir wirklich annehmen, daß Sonnabend der betreffende Tag ist, an dem das Werk der Schöpfung vollendet wurde. Ist es denn nicht unvergleichlich besser, einen wirklichen Sabbat und Ruhetag zu haben, als starr an der Überlieferung haltend, einen Sabbat zu feiern, der alles andere, nur kein Ruhetag ist. Wie können wir denn nur den Versöhnungstag in Ruhe und Frieden begeh'n, wenn neun Zehntel von uns wissen, daß wir schon am nächsten Sabbat das Gesetz desselben brechen? Sündigen lvir nicht, wenn wir an diesem Tage unsere Kinder in die Schule senden, wenn wir in unseren Fabriken, in unseren Bureaux die Angestellten beschäftigen, wenn wir unseres Amtes als Richter, als Anwälte rc. walten? Oder sollen wir alle wieder in das geistige Ghetto zurückgehen und Handel und Schacher treiben? Und wenn wir es wollten, wir könnten es nicht und wenn wir es könnten, wir wollen es nicht. Denn das geistige Leben ist Jsrael's Domäne — dem Ewigen ist Israel geweiht. Der Geist des Judentums revoltiert schon jetzt und wird mehr und mehr revoltieren gegen die unerträgliche Fessel, die ihm eine verjährte Tradition auferlegt, eine Fessel, die er nicht tragen will, die sein Gemüt beschwert und ihn zum Heuchler macht. Nichts ist in den fünf Büchern, nichts in den Propheten enthalten, das uns an unserem heutigen Sonnabend bindet.

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