Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Wurst in den Kaffee zu tunken, als ihn Rehlein noch glücklicherweise dabei überraschte und vor der Unthat bewahrte. Immer sinnend und denkend, war der treffliche Mann, wie man es ja bei Juden überhaupt so oft fand, gewohnt, auf der Straße zu summen und halblaut vor sich hin zu singen. Da ging einmal ein Talmudjünger mit ihm, ein lustiger Bruder, der in den Gesang, um einige Töne höher, einstimmte. Sofort nahm der Rabbi, auf den Sängerstreit eingehend, eine Oktave höher, und so ging es im Wettgesaug weiter, bis der Rabbi auf der Straße einen unmäßig lauten Gesang erhob. — Dieses und Ähnliches erzählte man sich von dem seltsamen Manne, was aber der hohen Achtung vor seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit keinen Eintrag that. Das Interessanteste aber ist das Folgende, was wir eigentlich erzählen wollten. In einer befreundeten jüdischen Familie nämlich trug es sich zu, daß man bei einem frohen Familienfeste, mit einem Male bei der Mittagstafel durch einen höchst unliebsamen Zufall gestört und im Weiterspeisen behindert wurde, indem die Hausfrau an einem zurTafel gebrachten Hühnchen einen bedenklichen Flügelbruch bemerkte, der das Huhn als „trefa" erscheinen lassen konnte. Sofort wurde das Dienstmädchen mit sammt dem Hühnchen zu unserm Rabbi entsendet, um eine „Schahle" zu machen. Der Fall war kein gewöhnlicher; der Rabbi, sehr davon interessiert, nahm in seinem „Lerncheder" mehrere Codices zur Hand, um nach Aussprüchen bei ähnlichen Vorkonimnissen zu forschen. Während er nun sonst gewohnt war, beim Essen zu studieren, verleitete ihn jetzt die Zerstreutheit zu ähnlichem Vorgehen, nämlich beim Studieren zu essen, nud er verzehrte allmählich das ganze oorpus delicti, unter bloßer Reservierung der. Knochen, unter denen sich auch der fragliche befand. Draußen im Wohnzimmer wartete, wie auf Nadeln stehend, das Dienstmädchen auf das entscheidende Urteil Und sprach endlich ungeduldig zur Tochter: „Rehle, geh' Sie doch einmal hinein zu Ihrem Vater und frage, wie das Hnhnle ist?" (nämlich koscher oder trefa.) Meine Leute sitzen zu Hause und können nicht weiter essen!" Rehlein ging hinein und fragte: „Nun Vater! wie ist daS Hühnle?" „Sehr gut", antwortete der Rabbi; „sehr gut gewesen! Darfst mir bald wieder eins machen!" „Sch'ma Jisroäl!" schrie Rehlein, und konnte sich des Lachens nicht erivehren; „Vater, wenn Du die „Schahle" gegessen hast, mußt Du Dir eine große „T'schuba" (Buße) auflegen!" Der Rabbi, zu sich gekommen, zuerst erschrocken, bald sich wieder fassend, lachte mit und sprach: „Nun, Du kannst ruhig sein; der Knochen ist noch da, und die Sache ist koscher." Rehlein kam noch lachend in die Wohnstube und sagte zu dem harrenden Mädchen: „Nun massol tos! Euer Hühnle war koscher." *'