Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1897-01-01 · Heft 1 (1.1.1897) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
17 (1897)
Issue
Heft 1 (1.1.1897)
Date
1897-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2969837-2969839--4974-2974257
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

10 Provence hatte nur zweimal Stellen aus Horaz angeführt, und der Graf von Artois hatte keine Beschwerde über verletzte Etikette erhoben. Und wie sollte Ludwig XVI. nicht die Sorge des Königtums vergessen? Er hatte eben eine Stunde zu Trianon verlebt bei der schönen, durch die Anmut ihres Geistes und ihrer Jugend ausgezeichneten Maria Antoinette; er war mit ihr unter den blühenden Linden des im Kleinen die Schiveiz vorstellenden Lustgartens spazieren gegangen, während er mit Selbstzufriedenheit über die Schwierigkeiten lachte, die sich ihm in einem Werke über das Schlosserhandwerk, das er an eben diesem Morgen beendigt hatte, da er niit Tagesanbruch aufgestanden war, gezeigt hatten. In demselben Augeblick waren ihm die Kinder des königlichen Ehepaars durch die Prinzessin von Lamballe und die Gräfin Julie von Polignac vorgeführt worden; und die Königin, bei der, wie in allen deutschen Herzen, die Familiengefühle vorherrschten, hatte vergessen, daß sie die Tochter einer Kaiserin und eines Königs Gemahlin war, um sich in aller Einfachheit den wahren Freuden einer Gemahlin und Mutter hinzugeben. Solche Erinnerungen beschäftigten angenehm den Sinn des Monarchen, dessen Wagen schnell dem Sammelplatz der Jagd zueilte, als bei der Einbiegung eines Weges im Walde, der an Roquencourt angrenzt, eine gewisse Unordnung in der Leibwache seiner Eskorte entstand, und der Wagen des Königs plötzlich stille hielt. Der König neigte den Kopf durch den Schlag hinaus und erblickte mit Staunen vier Greise mit fremder Kleidung, mit langen weißen Bärten in dicke graue Mäntel gehüllt, und ans den Schultern eine Bahre tragend, auf welcher ein Sarg aus ungehobeltem Holze lag, der kaum mit einem Totentuche bedeckt war. Hinter der Leiche gingen zwei Jünglinge, die heiße Thränen vergossen, und deren Kleider zum Zeichen der Trauer zerrissen waren, den Zug schlossen zwölf Männer in der Kleidung und im Gange bunt durcheinander, aber auf ihren Zügen die orientalische Abkunft zeigend und sie alle gingen, den Hut ans dem Haupte, ernst und mit abgemessenem Schritte in einer fremden Sprache und in einer unbekannten Melodie Psalmen singend. Diese fantastische Erscheinung brachte den König in Verwirrung und seine erste Bewegung war, vor diesem pruuklosen Sarg den Hut abzunehmen und andächtig ein Zeichen des Kreuzes zu machen. Darauf wandte er sich an Herrn von Besenval, der sich bei ihm in seinem Wagen befand, und fragte: „Was hat dies zu bedeuten?" Sogleich näherte sich der Hauptmann der Wache, welcher diese Frage verstanden hatte mit Achtung und sagte zum Könige: — „Verzeihung Sire wegen des Verzugs, den diese Elenden Ew. Majestät verursacht haben, ich habe soeben die Schützen derb gescholten, weil sie nicht über die Inden hinweggeschritten sind." — Wie Juden! antwortete der König erstaunt. — „Ja, Sire, seit einigen Jahren schon, hat eine Kolonie dieser Ungläubigen von Metz und dem Elsaß gewagt, sich in Eurer guten Stadt Versailles niederzulasseu, sie handeln daselbst mit golduen und silbernen Stoffen, alten Kleidern und wohlriechenden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.