Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Das sind in der That Worte, die nicht mit Gold aufznwiegen sind. In der Theorie haben wir Preußen also eine Gewährleistung der Religionsfreiheit, wie wir sie uns besser kaum wünschen können, aber in der Praxis sind doch diese Grundsätze noch nicht ganz durchgedrungen. Es giebt z. B. in Preußen zwei Religionsgesellschaften, deren Glieder besonders bei der Bekleidung öffentlicher Ämter bevorzugt werden: die „evangelische Landeskirche" und die „katholische Kirche Die Stellen in der Verwaltung (Ministerium, Regierung u. s. w., in der Staatsanwaltschaft, die Offizierstellen) dürften mit wenig Ausnahmen nur von Mitgliedern der beiden genannten Religionsgesellschaften besetzt sein. Ja, auch in den unteren Stellen der Verwaltung, in den Subaltern- und Unterbeamtenstellen dürften so gut wie keine Mitglieder anderer Religionsgesellschaften zu finden fein. Wie kommt das? Sind die Landeskirchlichen oder die Katholiken vermöge ihrer Religion besser befähigt, diese Stellen zu versehen,. sind sie klüger, tüchtiger als die - andern? — Hier gilt es eine Ungleichheit zu beseitigen, die, wie wir gesehen haben, vor dem Gesetze nicht bestehen kann. Und dazu müssen wir alle, die wir uns als preußische Staatsbürger fühlen und auf dem Boden der Verfassung stehen, helfen, dazu können wir alle Hand anlegen. Wir können durch vereinte Bestrebungen zur Beseitigung dieser Ungleichheit beitragen. Wir können auf die öffentliche Meinung einwirken, auf die Presse, auf unsere Nachbarn, auf die Behörden durch Wort uud Schrift, wo sich uns Gelegenheit dazu bietet. Das Kaddisch-Oebet. Von Leopold Kompert. Es ist dies jenes seltsame, von Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrtausend zu Jahrtausend überkommene Gebet, das in der Sprache des alten Zion lautend, einen wesentlichen Bestandteil des täglichen Gottesdienstes bildet. Sein Ursprung ist geheimnisvoll; Engel sollen es vom Himnrel hergebracht und die Menschen gelehrt haben- Um dieses Gebet schlingen sich die weichsten Fäden kindlichen Empfindens und menschlichen Erinnerns; denn es ist das Gebet der Waisen! Wenn Vater oder Mutter stirbt, sollen es die nachgelassenen Söhne täglich, am Morgen und am Abend im Gotteshause durch das ganze Trauerjahr, und dann am jedesmaligen Todestage, oder wie die Sprache der „Gasse" heißt, zur „Jahrzeit" sprechen, denn es wohnt ihm eine gar wunderbare Kraft inne. Aus dem Munde von Waisen klingend, sprengt es die Gräber und sagt den toten Eltern, daß ihr Kind ihrer gedenke; dann tritt es unmittelbar vor Gottes Thron und bittet dort um den ewigen Frieden der Dahingeschiedenen, um Schonung und Barmherzigkeit.