Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 17 (1897)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1897)
- Date
- 1897-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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und Trödler, alle sind Juden. Mit seinem lärmenden Straßenleben zur Sommerszeit erinnert dieser Teil der Stadt an das alte Ghetto in Rom, das jedoch im Vergleiche klein und bedeutungslos ist. . ' Hier wurde 1845 Sarah Bernhardt geboren. Es giebt in Amsterdam viele Leute, die sie und ihre Eltern kannten. Der französische Edelmann mit der langen bis zu den Kreuzzügen reichenden Ahnenreihe, der ihr Vater sein soll, diirste aller Wahrscheinlichkeit nach in das Gebiet der Sage zu verweisen sein. Hier lebte in seiner frühen Jugend Baruch Spinoza. Hier, am äußersten Rande des Quartiers, in der Jodebreestraat wohnte 1640 bis 1663 der Mann, dessen Name der Niederlande größter in der Kunst, wie der Spinvza's deren größter in der Philosophie — Rembrandt van Rhyin. Hier hatte er täglich die Modelle zu der überraschenden Menge von jüdischen' Physiognomien und Radierungen vor Augen- Auf diesem engen Raume begegnen sich denn jene zwei gewaltigen Namen Spinoza und Rembrandt, der Mann, der den menschlichen Gedanken befreite, indem er ihn aus der Mittelalterkunst herbeigeführt oder richtiger, ihn auf nordischem Grunde von neuem geschaffen. Spinoza — eine gewisse Wärme durchströmt die Brust, so oft man seiner gedenkt und sich in ihn versenkt. Wer ihn in seiner Jugend gelesen, dessen Geist hat eine zündende, läuternde Feuertaufe empfangen. Spinoza ist der Heilige des Denkens, wie Shelley jener der Poesie. Holland, das Cartesius Schutz gewährte und im Angesichte des wahnwitzigen Fanatisnius seiner Stammesgenossen Spinoza eine Freistätte bot, verdient als das alte trotzig stolze Vaterland der Freiheit im Norden den Glanz mit dem dieser Name es umgiebt. Und dennoch kostete es in unseren Tagen einen Kampf,-als es galt, Spinoza auf der Pavillongracht in Haag ein Denknial zu errichten. Mein erster Gang in Haag war zu Hollands größtem lebenden Maler, mein zweiter zu Hollands größtem Toten, zur Bildsäule Spinozas in der Spinozagasse.. Ich suchte die abgelegene Gasse mit ihrem schmalen Kanäle und ihren Bäumen in der Morgenfrühe eines trüben Julitages auf und fand daselbst, fern vom Gewoge der Stadt, auf rotem Granitsockel, bescheiden, fast nur in natürlicher Größe, die sitzende Broncegestalt, ein Werk Hexamers. Ein Meisterwerk ist dieselbe nicht, doch ein ernstes bedeutungsvolles Kunstwerk. Ja, so hat er ausgesehen, so gedankenvoll und grübelnd, mit diesem erhabenem Zuge im Antlitze, dieser nachlässigen Haltung, er der schlichteste Denker und der tiefste. Und ich dachte an sein Lebenswerk, an die Originalausgabe seiner nachgelassenen Schriften in ihrem Pergamentbande, daheim auf meinem Bücherbrette, an den tiefen“ unauslöschlichen Eindruck, den ich bei der ersten Lektüre dieses - Buches empfangen. Ethika stand vor mir und aus diesem Werke besonders wieder der dritte Teil, die Erklärung der menschlichen Leidenschaften, die eine so merk-