Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1896)
- Date
- 1896-12-01
- Page
- Seite 277 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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277 des Verstorbenen mit Cement aufgetragen oder es wird die Asche in Thongefäßen aufbewahrt, denen man seine Gestalt giebt, wie der alte Ägypter auch dem Mumienschrein und unsere Gegenwart auf den Grabsteinen das Bild des Abgeschiedenen anbringt. Gerade auf letzterem Gebiet, in der Totenverehrung, hat sich der Volksglaube bis auf den heutigen Tag am zähesten erhalten. Die Verehrung von Reliquien des Toten, der Leichenschmaus, die Häufung von Steinen auf dem Grabe, welche daran erinnert, daß einst auf solchen Steinaltären dem Toten geopfert worden, der Palmenwedel, überhaupt der Blumenschmuck bei der Bestattung, die Grabkapellen — alles dies sagt uns deutlich genug, daß die Aufgabe unserer Religion noch lange nicht gelöst ist, daß der Kampf des Gesetzes und der Propheten gegen den Volksglauben noch heute von uns fortgeftthrt werden muß, wenn wir im wahren Sinne als Missionäre wirken und das Heidentum um und vor allen Dingen in uns überwinden wollen. Nur so zeigen wir uns gehorsam dem Grundgebot unseres Glaubens: Höre Israel, der Herr ist unser Gott und dieser Herr ist nur einer! Der älteste Wabbiner in Deutschland. Am 14. Oktober feierte der Oberrabbiner Dr. Benedikt Levi in Gießen seinen 90. Geburtstag. Der Jubilar, der sich unerachtet seines hohen Alters einer staunenswerten geistigen und körperlichen Frische erfreut, hat vor Kurzem seine Freunde mit der Mitteilung überrascht, daß er seit frühesten Tagen die Geschichte seines Lebens ausgezeichnet habe. Diese Autobiographie, die einen Zeitraum von fast neun Jahrzehnten umfaßt, liefert einen interessanten Beitrag zur Cultur- und Geistesgeschichte des Judentums in Deutschland und - es wäre zu wünschen, daß der Verfasser sich entschließe, sie dem Druck zu übergeben. Benedict Levi, einer altbekannten Rabbiner-Familie entstammend, wurde am 14. Oktober 1806 als der Sohn des Rabbiners Samuel Wolf Levi zu Worms geboren. Sein Vater gehörte zu den wenigen Rabbinern des vorigen Jahrhunderts, die mit großeni rabbinischen Wissen humanistische Bildung und beste gesellschaftliche Formen verbanden. Als die Franzosen 1793 das linke Rheinufer überschritten, flüchtete er, in der Besorgnis als einer der Notabeln der Stadt nach Frankreich als Geisel geführt zu werden, in Begleitung anderer Bürger nach Frankfurt a. M. Dort fand er 11 Monate lang ein Asyl, bis in Worms Ruhe und Ordnung zurückgekehrt waren. Samuel Levi war der französischen Sprache vollkommen mächtig. In seinem Hause pflegten sich längere Zeit Bürgermeister und Gemeinderat von Worms zu versammeln, wo denn der Rabbiner die neuesten Nachrichten aus Pariser Zeitungen ins Deutsche übertrug. 1807 wurde Samuel Levi in das Sanhedrin zu Paris berufen, dem er ein volles Jahr anwohnte.