Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1896)
- Date
- 1896-12-01
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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275 den verschiedensten Rassen die Erscheinung wieder, daß Geschlechter oder Stännne sich für Abkömmlinge eines Tieres halten, nach dem sie sich nennen. So hat man den hebräischen Stammesnamen Lewi von dem Namen der Erzmutter Lea, „die Wildknh" herleiten wollen. Allein es läßt sich hie und da bei Naturvölkern noch deutlich Nachweisen, daß der Anherr eines solchen Stammes nur nach einem Tiere etwa „Wolf" genannt worden ist und daß erst die Enkel einen leibhaftigen „Wolf" aus ihm gemacht haben. Und daß dieser Ahnherr, selbst daß überhaupt ein einzelnes Individuum einen Tiernainen erhält, ist sehr einfach zu erklären. Man wünschte dem Kinde mit diesem Namen einen der an den Tieren augenfälligen Vorzüge, wie die Stärke des Löwen, die Schnelligkeit des Pferdes, die Schlauheit des Fuchses u. s. w., womit es sich freilich auch sehr wohl vereinbaren läßt, daß man sich diese Charaktere als Geister in den Tieren wohnend dachte und somit auch als solche für das Kind gewinnen wollte. Hier haben wir bereits ein anderes Gebiet des Volksglaubens gestreift, den Heroen kn lt. Der schon zu Lebzeiten verehrte Häuptling eines Stammes steigt nach seinem Tode natürlich um eine Staffel höher in der Heiligkeit, und zwar um so höher, je größer die zeitliche Entfernung zwischen ihm und seinen Verehrern ist. Einzelne Züge seines Charakters verschmelzen in der Überlieferung mit gewissen Erscheinungen im Naturleben und so wird der Ahn allmählich zur Gottheit oder wenigstens zum Halbgott, eine mythologische Figur. Eine solche Mythologie finden wir nun in der Thal, ebenso wie bei den Babyloniern und später bei den Arabern und Aramäern auch bei den Kananäern. So haben die Phönikier ihren Mythologisten in dem Priester Sanchun jaton. Ihre Mythologie erinnert in manchen Zügen an die biblische Urgeschichte, wie auch manches andere sich hierin bei den übrigen Semiten, besonders den Nordarabern wiederfindet. Allein der Monotheismns der Hebräer wußte solche Mythenbildung »iederznhalten, dagegen finden wir mairche Gestalt der Urvätergeschichte, wie Abraham, Jakob, Jsmael in den Sagen anderer Semiten, vor allem der Araber, zu Heroen im eigentlichen Sinne erhoben. Wie dachte man sich nun, so müssen wir doch fragen, die Beziehungen zwischen dem Dämon, der übermenschlichen Macht und dem Menschen? Wie offenbarte sich zunächst die Gottheit? Wenn wir daraufhin wieder die Eigennamen ansehen, so finden wir darin die verschiedenen Äußerungen der Gottheit im Walten der Natur, besonders im Gewitter betont. Wie der Indianer in der Klapperschlange den Sendboten des bösen Geistes sieht, so waren dem Kananäer der' Donner, die Stimme Gottes, der Blitz, das Feuer der Gottheit u. s. w. Vor allem aber offenbarte sich die Gottheit in den Träumen, welche von besonders dazu befähigten Personen gedeutet wurden. Dieses Traumdenten war eines der wichtigsten Geschäfte der Wahrsager und Zauberer. Wie einflußreich diese Zunft war, lehreil uns schon die scharfen Maßregeln des mosaischen Gesetzes gegen ihr Treiben.