Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1896)
- Date
- 1896-11-01
- Page
- Seite 262 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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262 ist ein System von notwendigen Folgen und in ihm ist alles gleich vollkommen. Vollkommenheit des Menschen ist ein Beziehungsbegriff, die Erkenntnis der Einheit, welche den Menschen mit dieser notwendigen Ordnung der Natur verbindet. Vollkommenheit ist Realität. Alles, was des Menschen Dasein fördert, muß gut, alles, was es hemmt, muß schlecht heißen. Die Liebe zu Gott, die beharrliche Freude fließt also ans der zureichenden Erkenntnis. Wir befreien uns durch sie von den leidenden Affecten, von der Liebe zn den Einzeldingen und gelangen zur Erkenntnis des Eivigeu und Unendlichen. Wir bestimmen uns selbst zum Handeln und sind deshalb frei. In diesem Zustande sind wir in beständiger Seelenruhe und beharrlicher Freude. Wie könne» wir nun zu diesem glücklichen Dasein gelangen? Die Antwort lautet durch Erlangung zureichender Erkenntnis. Solange wir unsere Liebe den vergänglichen Einzeldingen zuwenden und diese für frei halten, werden wir notwendig von Trauer beeinflußt. Sobald wir aber das ewig Seiende betrachten, wird unsere Seele nur von Liebe erfüllt sein, der Affect zu Gott ist demnach der stärkste. Sofern die Seele alle Dinge aus Gott, in welchem und durch welchen alles vorgestellt wird 8iib specie acternitatis betrachtet, genießt sie also die höchste Freude. Dieses Ziel muß nun von jedein Menschen erstrebt werden, denn es ist der naturnotwendige Zweck des Menschen, und zwar ist der Weg auf welchem es erreicht wird für alle Menschen ob Philosoph, ob Durchschnittsmensch derselbe. Aber dieser Consequenz ging Spinoza im Widerspruche mit seinem System aus dem Wege, indem er einen Unterschied zwischen dem Unwissenden und dem Weisen macht, Menschen, die der Meinung, der verworrenen Einsicht, und Menschen, die der Vernunft folgen. Die Wege, auf welchen beide zur höchsten Freude gelangen können, sind notwendig verschieden, aber das Ziel beider bleibt dasselbe. Die beiden Wege sind der Glaube und die zureichende Erkenntnis. Die Liebe zu Gott kann nämlich aus einer durch Hörensagen oder auf Überlieferung beruhenden Erkenntnis folgen, auch diese unzureichende Erkenntnis kann eine Seelenruhe schaffen, insofern als die Einzeldinge im Vergleich mit Gott als gleichgiltig erscheinen. Die Seelenruhe des Weiseil aber kann nur aus zureichender Erkenntnis folgen. Dies ist aber jenes umfassende Wissen, welches die Gesaulintheit des Seienden umfaßt, die Erkenntnis muß bis zur letzten Ursache Vordringen, denn die Erkenntnis der Wirkung schließt die der Ursache ein, und die gesamnite Ursachenreihe bis auf Gott muß eingesehen werden. Diese Einsicht ist nach Spinoza möglich, denn die oberste Ursache ist uns apriorisch klar und die'Gesammtheit des Seienden nach daductiver Methode ableitbar. Alles, was aus der Natur Gottes formaliter folgt, folgt auch objektiv. Spinoza hat nun in seiner Lehre kein vollständiges System der zureichenden Erkenntnis des Universums geliefert, denn ha wir nicht alle Attribute Gottes