Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1896)
- Date
- 1896-11-01
- Page
- Seite 253 (sequence 13)
- Language
- German
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253 heit und der Religion so viele entsetzliche Ungerechtigkeiten, Verfolgungen und Grausamkeiten unschuldig zu erleiden hatten, und auch sonst die Geschichte der christlichen Völker nicht nur von Liebe, sondern weit mehr von Haß, Zwietracht, Streit, Kampf und allgemeiner Intoleranz erfüllt war. Die in früherer Zeit angeblich von den himmlischen Heerscharen verkündete herrliche Botschaft: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, und den Menschen „ein Wohlgefallen" (Luc. 2. 14.) konnte von den Juden des vorigen Jahrhunderts bis dahin noch immer nicht als erfüllt angesehen werden, da die Geschichte der christlichen Völker ihnen wie ein allgemeiner Krieg, unterbrochen durch kurze Waffenstillstände, erscheinen niußte. Ein anderer Trennungsgrund war der Glaube an die Unsterblichkeit des Menschen in irgend einer Form, welche bei Juden und Christen nicht gleichlautend war. Es ist selbstverständlich, daß in einer Abhandlung, welche sich mit einer Religion der Zukunft befaßt, diese wichtigste Frage an richtigem Ort später noch ausführlicher behandelt werden muß. Daß sie vor Gründung der christlichen Religion bei den Inden schon eine große Rolle spielte, ist schon aus dem neuen Testament auf's überzeugendste zu beweisen. Es heißt darin: „An demselben Tage traten zu ihm die Sadducäer, die da halten, es sei keine „Auferstehung." (Matth. 22. 23.) Ferner: „Als aber Paulus wußte, daß ein Teil Sadducäer war, und der andere Teil „Pharisäer rief er im Rat: Ihr Männer, liebe Brüder, ich bin ein Pharisäer „und eines Pharisäers Sohn; ich werde angeklagt um der Hoffnung und Auf- „erstehung willen der Todten. Da er aber das sagte, ward ein Aufruhr „unter den Pharisäern und Sadducäern, und die Menge zerspaltete sich. Denn „die Sadducäer sagen, es sei keine Auferstehung, noch Engel, noch Geist; die „Pharisäer aber bekennen beides." (Apostelgesch. 23. 6—8.) Also war der Glaube an irgend eine Art der Unsterblichkeit nichts Neues für die Juden, er war aber nur als Hoffnung, nicht als Gewißheit gedacht. Und gerade diese unbedingte Gewißheit, verbunden mit der Motivierung der im jenseitigen Leben zu erwartenden Belohnungen und Strafen, ist nach meiner Meinung — die ich später ausführlicher darlegen werde — für die Menschen durchaus nicht wohlthätig und ersprießlich gewesen. Auch in dieser Frage konnte der gläubige Jude, nach den seit 1700 Jahren von der Menschheit gesaminelten Erfahrungen keinen unbedingten Vorzug der christlichen Anschauungen erblicken, namentlich da man die nachteiligen Folgen der unbedingten Gewißheit und der sicheren Aussicht auf den herrlichen Zustand des jenseitigen Lebens bei den Mohammedanern sehen konnte, welche dadurch (in Ver-