Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1896)
- Date
- 1896-11-01
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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252 Die Juden verloren allmählich den Hang zum Phantastischen und Mystischen, welches eine Zeitlang (namentlich in kabbalistischen Neigungen) hervorgetreten war; was nicht mit der Vernunft und Erfahrung in Einklang zu bringen war, wiesen sie zurück. Die früher zu Stande gekommenen umfangreichen Kommentare zur Bibel und Auslegungen derselben (Talmud u. s. w.) ließen den Kern der Religion unberührt. Die Juden hatten zwar auch Ketzerrichter in den Gemeindevorständen, da diese aber als höchste Strafe nur den Ausschluß aus der Gemeinde verhängen konnten, so blieb die Forschung und die Verbreitung ihrer Ergebnisse frei und ungehindert. Die Hauptsache blieb der Gegensatz zum Christentum. Nachdem dieses in die große Phase der Reformation eingetreten war, änderte sich die Stellung des Judentums durch diese neue und entscheidende Spaltung des Christentums im wesentlichen gar nicht, erst die sogenannte „Zeit der Aufklärung" im vorigen Jahrhundert äußerte ihre Wirkung auf beide Religionen, dg inzwischen die Juden durch die veränderten Verhältnisse dazu gekommen waren, an dem allgemeinen Bildungsgänge der Kulturvölker Teil zu nehnien, von welchen sie vorher — wenigstens seit mehreren Jahrhunderten — beinahe ausgeschlossen waren. Ehe wir den Verlauf und die Folgen der sogenannten Aufklärung ins Auge fassen, müssen wir erst noch die Lage der Religion berücksichtigen, wie sie sich inzwischen gestaltet hatte. In Folge der Reformation war das Erforschen der Bibel, welches in den vorhergehenden Jahrhunderten wenig, und fast nur in einseitiger Weise von Seiten der Geistlichkeit stattgefunden hatte, in alle Kreise des Volkes getragen worden; man versuchte, seine religiösen Ansichten unmittelbar aus der heiligen Schrift zu schöpfen, was durch Übersetzungen in die verschiedenen Landessprachen sehr erleichtert war. Die Juden konnten jetzt auch das neue Testament leicht kennen lernen und sich eine Meinung darüber bilden, während dies früher nur einzelnen jüdischeir Gelehrten möglich gewesen war. Die Hebung der Bnchdrnckerkunst hatte selbstverständlich diesen Uinschwung ermöglicht und gefördert. Gläubig waren Juden und Christen bis dahin wohl fast ohne Ausnahme geblieben, wenn auch die Gottesidee in verschiedenartiger — allerdings den Unglauben teilweise verbreitender — Weise zu erfassen versucht wurde. Die früher von mir angeführten Grüilde, welche die Inden vom Christentum trennen mußten, waren aber nicht aufgehoben, sondern eher noch verschärft worden. Wenn das Christentuin ganz besonders die Liebe als seine vornehmste Eigenschaft hervorgehoben und stets wieder neu verkündet hatte, konnten die Juden nun seit 1700 Jahren diese — ins Unendliche und Schwerverständliche gesteigerte — Liebe ihrerseits bei den Christen nicht erkennen, da sie im Namen der Gott-