Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1896)
- Date
- 1896-11-01
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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251 „nur insofern ein gütiger Blick des Herrn auf sie fällt. Ja, sie können sogar „für Verbrechen gelten, wenn der Despot argwöhnisch ist. Das demütigeBk- „wußtsein dieser Verhältnisse drückt den Geist nieder, und der edle Wetteifer „erstirbt, wenn der höchste Ruhm der eines guten Knechtes ist. Können Wohl- „feilheit und Ruhe Ersatz für solchen Verlust geben? Aber die Gewohnheit „der Erniedrigung tilgt sogar das Gefühl derselben, und es ist keine bessere „Schule für Sklaven, als die Sklaverei." Da die Juden sich dieser Sklaverei nicht unterwerfen wollten, verloren sie nach dem gegen dieselbe geführten Kampfe ihr Vaterland, retteten aber dadurch ihre Religion. Die deutschen Völkerschaften, welche ebenfalls, und ungefähr zu derselben Zeit, gegen diese Sklaverei kämpften, konnten ihr Vaterland behaupten, während ihre Religion später der christlichen weichen mußte. Nachdem nun die Juden gezeigt hatten, daß sie die große weltliche Stellung der Römer nicht als einen Beweis für die Wahrheit der röinischen Religion ansehen konnten, und sich später überzeugten, daß diese große Stellung auch den Bestand dieser Religion nicht erhalten konnte, mußten sie dann dieselbe Überzeugung auch auf die christliche Religion übertragen. Sie konnten ans dem Umstande, daß die christlichen Völker diese dominirende Stellung erlangt hatten, einen Beweis für die Unfehlbarkeit und absolute Fortdauer der christlichen Religion nicht entnehmen. Sie konnten hoffen, daß die jüdische Religion, welche die römische Religion überlebt hatte, auch die christliche überleben werde. Von Heiden und Christen gedrängt und verfolgt, blieb die jüdische Religion auf ihren Grundlagen fest bestehen, und auch die Hoffnung, daß diese Religion dereinst siegreich aus dem Wettstreite mit den übrigen Religionen hervorgehen werde. In diesem Sinne hielten die Juden sich immer noch für das auserwählte Volk Gottes, während die Hoffnung auf die dereinstige Wiederaufrichtung des jüdischen Reiches in Palästina immer mehr abnahm und jetzt beinahe ganz geschwunden ist, ebenso wie der damit verbundene Glauben an einen kommenden Messias. Während nun die christliche Religion, zwar stets geschützt durch Regierungen und Geistlichkeit, andererseits aber auch durch dieselben in ihrer Entwicklung gehemmt blieb, konnte die jüdische Religion sich ohne solchen Schutz und ohne solche Hemmung frei entwickeln. Wie schon früher versuchte jeder Laie, geradeso wie der Gelehrte, selbst die Religion zu ergriinden, zu verstehen, so daß die Juden ein Volk von Religionsforschern wurden. Allein alle Forschungen konnten an der Grundlage der Religion nichts ändern, sie blieb unverändert bis zum heutigen Tage. Es konnte sich nichts verändern. In den herrlichen gottbegeisterten späteren Schriften des alten Testaments war der ethische Inhalt der Religion zu einer solchen Höhe und Reinheit gebracht, daß Besseres nicht mehr geboten werden konnte.