Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1896)
- Date
- 1896-11-01
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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249 Volkes in alle Weltgegenden. Den gläubigen Juden mag es als ernste Mahnung erscheinen, daß Gott diese absolute Demüthigung durch den Edelsten aller Römer bewerkstelligen ließ, durch Titus „awor et deliciae generis humani “ Diese absolute Demüthigung hatte auch die absolute Ernüchterung zur Folge. Nicht plötzlich, aber allinählich! Die Juden, welche trotz ihres Vertrauens, und teilweise durch ihr Vertrauen auf die Hilfe Gottes, ihr Vaterland verloren hatten, kamen z» der Erkenntnis, daß zwar geistige Errungenschaften durch den Glauben erhalten werden können, nicht aber weltliche Errungenschaften, daß überhaupt das Pochen auf die Eigenschaft eines auserwählten, von Gottes Gnaden bestehenden Volkes nur darin bestehen darf, daß das Volk etwa auserwählt ist, sich den richtigen Glauben an die Gottheit selbst zn erhalten, und denselben bei Andern fördern zu helfen, daß aber bei weltlichen Dingen dieses absolute Vertrauen auf Gott blind macht, und daher die Völker, welche n u r auf Gott vertrauen, dem Untergange geweiht sind. Das jüdische Volk war von dem Glauben an sein Gottes gnade nt um gründlich geheilt, gerade so, wie jetzt wohl ein Teil des türkischen Volkes ■■ das blinde Vertrauen ans den Schutz Allahs verloren hat, während der übrige -J Teil durch seinen Fatalismus dem Untergange entgegengeht. Das jüdische Volk hatte eingesehen, daß kein Volk und keine Regierung j sich des absoluten Spezialschntzes der Gottheit zu erfreuen hat. Auch wird jeder f Gläubige unserer Zeit sich sagen müssen, daß das Vertrauen eines gläubigen \ Volkes und eines gläubigen Regenten auf den Schutz der allgerechten» allgütigen j und allwahrhaften Gottheit nur dann vielleicht gerechtfertigt erscheinen kann, wenn in diesem Volke und in diesem Regenten auch der Hort der Gerechtigkeit, Güte und Wahrhaftigkeit (soweit solches bei Menschen möglich erscheint) zu finden ist. Wenn dies nicht der Fall, dann ist der Erfolg nur ein scheinbarer oder vorübergehender; kriegerische und sonstige Erfolge beweisen daher nie, daß der Sieger im Bewußtsein des Sieges auch von dem Schutze oder von dem Einverständniß der Gottheit überzeugt sein darf, da dieselbe manchmal zwar das Schlimme durch das Bessere, aber ebenso oft das Schlimme durch das Schlimmere besiegen läßt, um dann schließlich dieses Schlimmere wieder durch Besseres ausrotten zu lassen. Die Weltgeschichte als Weltgericht beweist die Wahrheit dieser Anschauung in unzähligen Fällen. Der spätere weltliche Erfolg der christlichen Nationen konnte daher dem gläubigen und vernünftigen Juden nicht maßgebend sein für den Werth der christlichen Religion, namentlich, da schon früher andere Völker» wie z. B. die Griechen und Römer, verhältnißmäßig für ihre Zeit, weit größere Erfolge erzielt hatten, ohne daß deshalb ihre Religion die jüdische überlebt hätte. Sie mußte» sich