Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1896)
- Date
- 1896-11-01
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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245 Augen eine Menschenseele auf nächtlicher Wanderung in Gestalt eines dem Munde des Schlafenden entschlüpften Mäuschens. An einem anderen Orte stießen nicht etwa Orientalen, sondern unsere lieben Landsleute gegen den Mond, zur Zeit, da die Hexen ziehen. Ein solche Hexe ist erst vor kurzem, im Jahre des Heils — nicht 12 oder 13 — sondern 1889 gestorben. Bei Lebzeiten hatte sie als Alp die Leute im Schlafe gepeinigt. „Man hütete die Kinder vor ihr, denn wenn sie einem ins Gesicht sah, so mußte es sterben." Aber alles andere übertrifft der Bericht, der Teufel habe in Gestalt eines schwarzen Hundes so lange im Gotteshause herumgespuckt, bis es endlich einmal gelang, das schwarze Vieh zwischen die Kirchthür zu klemmen und dermaßen zu bearbeiten, daß es wie ein Kind schrie und auf Nimmerwiedersehen das Weite suchte. Dies geht freilich etwas weit. Allein ganz ähnliche Erscheinungen des Aberglaubens finden sich auch anderswo. Sie unterscheiden sich jedenfalls deutlich von der Religion im eigentlichen Sinne, wie die Astrologie von der Astronomie, wie die Alchymie von der Chemie. Die waltenden Mächte sind im Volksglauben meist böse, in der Religion gut. Hier beugt man sich vor ihnen in Ehrfurcht, dort glaubt man sie durch Zauberei bezwingen zu können, wie sie überhaupt nicht wie die Gottheiten ein ewiges Leben führen, sondern als Teile der Natur mit dieser entstehen und vergehen. Unter welchen Gesichtspunkten sind nun wohl die einzelnen zahllosen Formen des Volksglaubens zu gruppiren? Am deutlichsten lassen sich drei Grundsätze herausschälen: 1) der Ahnenkult, 2) der Naturmythus und 3) die Hexenverehrung. Und diese drei Stufen gehen wiederum auf einen und denselben Ursprung zurück, nämlich auf den Seelen- oder Geisterglauben. Herbert Spencer nennt einmal die Furcht vor den Toten die Wurzel der religiösen Gesetze, wie in der Furcht vor den Lebenden die Wurzel der bürgerlichen Gesetze zu suchen sei, und für die Anfänge der Kultur können wir dies sehr wohl gelten lassen, zumal durchaus dafür die Beobachtungen sprechen, welche man bei Völkern auf der niedersten Kulturstufe angestellt hat. Der Mensch findet in seinem Schatten, er erblickt im Wasserspiegel sein Bild, ein anderes Ich, tvelches mit seiner leiblichen Existenz eng verknüpft erscheint, so lange er wacht. Während des Schlafes aber, im Traum löst sich dieses Ich, löst sich die Seele vom Leibe, von den Bedingungen des Raumes los um zumeist am Morgen wieder zum Leibe zurückzukehren. Manchmal, z. B. bei Ohnmächten, bleibt sie jedoch länger als gewöhnlich aus, um schließlich im Todesfälle gar nicht mehr wiederzukehren. Wohin ist nun aber diese Seele? Welche neue Behausung hat sie ausgesucht? Nun, entweder einen anderen Menschen, daher der Glaube an die Besessenheit, oder ein Tier, welches sich gerade in der Nähe des Toten findet, oder einen Baum, einen Stein, eine Quelle, oder gar den Gipfel eines Berges, von dem die Seele im Sturmwind herniederfährt. Denn