Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1896)
- Date
- 1896-11-01
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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244 Es hatten nämlich ungefähr zu gleicher Zeit die Frage der Judenemancipation in Europa und die Frage der Negeremancipation in Amerika die tiefer liegende Rassenfrage auf die Tagesordnung gesetzt, und da war es denn gerade die Wissenschaft, welche sonst in der Religion nur ein menschenscheidendes Prinzip aufgestellt hatte, da war es die Religionsgeschichte, welche unter der Erdschicht, die die positiven, dogmatisirten Religionen trägt, ein Volksglauben, die gemeinsame Wurzel der Menschheit entdeckte. Allerdings hatte ihr hierin schon eine andere Wissenschaft vorgearbeitet, die Völkerkunde. Durch die gründliche und systematische Erforschung der Sitten und Vorstellungen der unkultivirten Natur-Völker der Gegenwart hatte man auch bei diesen, denen man früher jede Religion abgesprochen doch Spuren eni es primitiven Glaubens entdeckt, Ansätze zu einer Verehrung höherer Mächte. Diese Entdeckung warf mit einem Male ganz neue Streiflichter auf die uns überlieferten religiösen Bräuche der alten Völker, ja sogar auf manche rätselhafte Erscheinung in unmittelbarer Gegenwart und Nähe. Überall, bei der niedersten wie bei der höchstentwickelten Menschenrasse fanden sich die auffallendsten Analogien. Diese Vergleiche offenbarten also von neuem die große biblische Wahrheit, daß die Menschennatur ursprünglich eine und dieselbe ist unter den verschiedensten klimatischen uud örtlichen Bedingungen. Und wie auf den Ausgangspunkt, den Anfang der Bibel, so wiesen jene Entdeckungen auch auf ihr Ziel, auf die hohe, letzte Aufgabe hin, die Religion ist nicht Parteilosung und Zankapfel, sie ist wie ihre Anfänge zeigen, Gemeingut der Menschheit. Aber auch ein Drittes lehrt uns die Religionsgeschichte. Wie den Ausgangspunkt und das Endziel der Bibel, so stellt sie auch ihren Inhalt selbst in ein neues Licht. Das Heidentum nämlich, an welchein die Lehre der Schrift ihre Kraft bewährt hat, gewinnt in dieser universellen Beleuchtung eine ganz neue Bedeutung, und das Judentum wird von neuem eindringlich an seine Aufgabe erinnert, nicht allein die Götter des Heidentums zu bekämpfen, sondern nicht minder jenes Heidentum, wie es in den anschmeichelnden Formen des Aberglaubens als Sage, als Märchen oder Sitte nur zu leicht Eingang findet und sich alsdann unausrottbar festnistet. Wie solches Unkraut neben einer Kulturreligion fortwuchert, ja diese selbst mitunter überwuchern kann, zeigt uns folgendes Beispiel. Im Jahre 1890 hatte eine Behörde in Deutschland bei den Geistlichen ihres Bezirks Erhebungen angestellt über die etwa in ihrer Gemeinde noch vorkommenden abergläubischen Vorstellungen, Sitten und Gebräuche. Aus dem überreichen Material, welches durch diese Ermittelungen zu Tage gefördert wurde greifen wir nur einiges heraus. Vor allem spielen darin natürlich die Hauptmomeute des menschlichen Lebens eine wichtige Rolle: Geburt, Hochzeit und Tod. Ferner sieht man hier mit leibhaften