Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1896)
- Date
- 1896-11-01
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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243 Hleber kananaeischen WoMsgkauben. Vortag, gehalten in dem Verein für jüdische Geschichte und Litteratur in Hamburg von Dr. M. G r u n w a l d. Wie unser Thema ankündigt, wollen wir heute unseren Blick nach Kanaan, nach dem heiligen Lande lenken. Wir wollen daselbst den Spuren des Volksglaubens nachforschen. Daß wir uns nun eine solche Aufgabe gerade in diesem Kreise stellen, dies rechtfertigt nicht allein unser Interesse an dem Lande unserer Väter, sondern vor allem das Streben nach immer tieferer Ergründung und immer höherer Würdigung des Buches, welches uns heut bei unserem Unternehmen hauptsächlich den Weg weiseil soll, nämlich unserer heiligen Schrift. Denn die Bibel ist nicht nur. noch immer der zuverlässigste und ausführlichste Zeuge der örtlichen und zeitlichen Verhältnisse, denen wir heute unser Augenmerk widmen, — die Bibel ist vor allen Dingen die Hauptquelle des Judentums, also derjenigen Religion, welche allem Volks- und Aberglauben in unversöhnlicher Feindschaft entgegentritt oder doch entgegentreten sollte. Aber gerade indem uns die Schrift vor diesem Gegner so nachdrücklich und ausführlich warnt, macht sie uns mit seinen Vorstellungen und Bräuchen auf das genaueste bekannt. Und je richtiger wir die Streitkräfte dieses Gegners zu schätzen verstehen, desto höher werden wir auch die Macht des Siegers, die Kraft des Judentums anschlagen. Ähnlich erging es unserer heiligen Schrift auch auf einem anderen Gebiete. Die Wissenschaft nämlich, welcher vor allem die Bibel das Leben gegeben, die Erschließung des alten Orients, mochte wohl hier und da der Mutter den kindlichen Gehorsam kündigen, allein indem auf ihren Weckruf, jene alte Zeit gleichsam vor unseren Augen aus den Gräbern ersteht, liefert gerade sie uns heute die handgreiflichsten Beweise für die Zuverlässigkeit der geschichtlichen Angaben unserer heiligen Schrift. Wie die Orientalistik entstammt nun auch die Wissenschaft, die uns heute beschäftigt, dem Schoße der Bibel, nämlich die vergleichende Religionsgeschichte. Solange sich diese Wissenschaft auf die Kenntnis der einzelnen Religionen beschränkte, wie sie uns in geschichtlichem Gewände entgegentreten, und wie sie jede ihr Glaubensbekenntnis als das einzig wahre anerkannt wissen wollen, so lange konnte sie nur zeigen, wie die Religion die Menschen feindlich scheidet, sie mußte die Gegensätze zwischen den einzelnen Bekenntnissen aufdecken und wo diese noch nicht klar genug ausgeprägt Awaren, da mußte sie zu ihrer Verschärfung den Anstoß geben. Denn jedes Dogma, jede feste, starre Formenehrung des Glaubensgehaltes wurzelt in dem Bestreben, die eigene Religion so scharf und deutlich als nur möglich, gegen jede andere abzugrenzen. Nun gräbt aber in jüngster Zeit die Religionsgeschichte etwas tiefer.