Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1896)
- Date
- 1896-10-01
- Page
- Seite 238 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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238 versteinert keine Thränen mehr findet, nnr ewige nachdenkliche Ruhe. Der Sohn, den der Schmerz noch weniger niederwarf, ein Heros des altjüdischen Geistes, welcher über die trauernden Eltern hinweg das Haupt stolz erhebt und sich weit in der Ferne den Horizont sucht, der ihm groß und breit genug dünkt für seine Zukunft. Sein Weib, eine Königin des Schmerzes und doch dem Augenblick ganz hingegeben, herrschend, wenn sie sich aufrichtet, gewinnend, wenn sie niedergebeugt den Thränen ihren Lauf läßt, und aus diesen Thränen gern zu ihrem frischen Kinde herrablickend, dessen Sonne ihre Wolken verscheucht: als Mutter hat sie ihre ganze Zukunft in ihm. Dann die Anverwandten und die übrigen Familienmitglieder, jedes in seiner Art bald der Sehnsucht sich hingebend, bald in stiller Beobachtung versunken, bald auch, abgetrennt von den anderen und von den Gedanken der Anderen, egoistischen Plänen nachsinnend, — wozu Sehnen und Hoffen? Wozu nicht den Augenblick am Schopfe fassen, der unserer Existenz den goldenen Boden bereitet? .... Die Juden sind auf ihrem Zuge in die Zukunft oben, hoch oben über dem weitem, stillen Meere an einer Bank vorbeigekommen; der Abend senkt sich über die Erde; sie rasten noch ein letztes Mal an diesem Tage. Sie beten. Schweigsam verharrt die Natur. Kaum rascheln die wenigen Bäume, die den Dünenhügel gegen das Meer zu beleben, iin leisen Abendwinde. Alles ist still, unendlich still, in banger, sehnender Erwartung des Kommenden. Und durch das große Schweigen zieht eine geheimnisvolle Verheißung . . . Das ist die Szenerie des Bildes, das von den Kunstkritikern sehr hochgestellt wird. Einer derselben schreibt darüber: „An einen« Bilde >vie Url)'s Jerusalem «verden sie aber still halten müssen, denn hier erkennen sie in seltener Größe die Merkinale der Zeit, welche auf die Epoche des großen Liebermann, Uhdc, Skarbina folgte und deren Wege zu neuen Zielen lenkte: Einen Realismus, der an der monnmentalen Kraft des großen Gedankens schier wieder znm Idealismus wurde. Sie werden diese trauernden Juden mit denen des alten Bendemann vergleichen, bei dem es gar keine Inden sind, sondern Schauspieler, welche nach der Sitte des Provinztheaters, «venn der Vorhang fällt, eine schön komponierte Gruppe bilden- Sie stellen daun dieses Bild z«vischen die «nalerische Wahrheit eines Uhde und die Monumentalität eines Klinger, die es beide vereinigt, ohne jemals Uhde'sch oder Klinger'sch zu sein. Es ist nichts, als ein Ury." — Weferate und Mitteilungen. Von der Geschichte der Juden und ihrer Litteratur, für Schule und Haus von Dr. Braun (Teil I) ist eine zweite durchgesehene Auflage iin Verlage von Wilhclin Jacobsohu u. Co in Breslau erschienen. Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß dieses durch «nannigfache Vorzüge sich anszeichnende Buch nach ver-