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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1896-10-01 · Heft 10 (1.10.1896) · p. Seite 224

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 10 (1.10.1896)
Date
1896-10-01
Page
Seite 224 (sequence 8)
Language
German
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224 Wenn die moderne Welt aus Gespenstern besteht, die geistig abgestorben, dann ist das heutige Geschlecht, wie in der Prophezeihung Ezekiels, das tote, verdorrte Gebein. Sie sollen sich nur durch den Geist der jüdischen Propheten wieder beleben können, die sittlich auflebten und vom Glauben erfüllt waren. Aber das ist bloß der eine Teil des Bildes. Die andere Hälfte erzählt, worin dieser Glaube bestand, von dem die Propheten so erfüllt waren, und welcher allein die geistigen Toten wieder zu beleben vermag. Sie hatten einen unerschütterlichen Glauben nicht, nur in irgend eine verschwommene Religion der Humanität, in eine vermeintliche Universalgesinnung der Wohlthätigkeit unter den Menschen, sondern in den Glauben an einen lebendigen Gott. Das allein verlieh ihnen die Kraft, den Geist des Lebens in tote Gebeine zu bringen und sie zu beleben. Diese Propheten sprechen über Politik, über soziale Reformen mit einer Beredtsamkeit, die den Himmel stürmte : sie waren Sittenlehrer, aber ihre politischen und sozialen Reformen, ihre Sittenlehren waren bloß miteingeschlossen in ihren Ermahnungen und Glaubensfolgerungen. Die ganze Wahrheit umschließt die Thatsache, daß sie Gott über den Menschen setzten. Und so sage ich denn zu Herrn Prof. Adler, gieb uns das ganze Bild! Hebe die ganze Wahrheit hervor und erkenne an, daß die Kraft dieser Propheten in der Anbetung Gottes lag und ihr Gottesdienst die Quelle ihrer Biederkeit war. Prof. Adler wirft in diesem Vortrag die Frage auf: „Was ist Wahrheit?" „Die Frage des Pilatus," sagt er, „geht auf den Grund der Religion und Philosophie." „Wahrheit ist, was wirklich und dauernd ist." Das, was wirklich und dauernd in der Welt ist, ist der ewige Geist der Güte. Es ist der Geist des Göttlichen; es ist die unaufhaltsame Kraft, die da waltet in Gerechtigkeit. Der Samen wurde von Moses gesäet, der Grund von Samuel, Elias und Misah gewässert, die Ernte von Jesaia, Jeremia und Ezekiel gereift, und die Früchte eingeheimst zum Nutzen und Frommen des ganzen Judentums. Ihre Wahrheit ist die, welche in der Welt besteht. Es ist das die Wahrheit, welche Dr. Adler predigt, und darum ist er, nach meiner Ansicht, ein Jude. Das ist's, was sein Vortrag bedeutet. Er soll nicht abseits auf fremdem Boden stehen und sich vor den jüdischen Propheten bücken. Er soll nicht den Anschein eines Gottesdienstes geben, noch den Anschein eines Sittensystems, auf bloßer Nutzbarkeit beruhend, sondern er soll die ganze Wahrheit besitzen, mit welcher die jüdischen Propheten ihre Religion belebten. Das Reform-Judentum kain zur Welt als Umschwung vom Form- und Ceremonialwesen des orthodoxen Judentums. Es fing an, auf dein natürlichen Wege der Entwickelilng, Schritt auf Schritt, in seinen Bestrebungen nicht nur allein die absolute Form aufzuheben, sondern dem Alten die belebende Kraft des Neuen einzuflößen. Das ethische Kulturwesen machte einen Sprung über diese Grenzen hinaus.

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