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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1896-10-01 · Heft 10 (1.10.1896) · p. Seite 222

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 10 (1.10.1896)
Date
1896-10-01
Page
Seite 222 (sequence 6)
Language
German
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222 Empfindung für allgemeines Mitgefühl oder Wohlwollen - als seinen Gegenstand der Anbetung und als die Quelle der Begeisterung hin. „Die Religion der Humanität, — ihr Entstehen in Palästina," war das Thema des Vortrages, gehalten von Prof. Adler in der Stadt New-Iork vor der Gesellschaft der ethischen Kultur. Er sagte: „Die Frage ist: Wie kamen die Gründer der jüdischen Religion zu der Überzeugung, daß es eine hohe ünd heilige Macht giebt?" Zur Beantwortung seiner Frage fährt er fort: „Der Agnosticismus verlangt, daß wir unseren Geist zwischen beiden Trugschlüssen im Gleichgewicht halten, daß wir uns weder zum einen noch zum anderen hinneigen. Aber derjenige, der sagt, ich weiß nicht ob es eine höhere Bedeutung in Dingen giebt, ist beinahe sicher, auf eine negative Antwort zu stoßen. Dieses ist jedoch nicht auf wissenschaftlichen Agnosticismus anznwenden, und es ist eine Art intellektuelle Taschenspielerei, eine provisorische Aufstellung zu behandeln, als sei es eine vollendete, zufriedenstellende Theorie." Er sagt: „Die alten jüdischen Propheten erreichten den erhabenen Trugschluß, daß der Mensch über die Natur gestellt werden muß. Stellen wir die Natur über den Menschen, so ist er ein seelenloses Werkzeug in der Hand des Geschickes. Stellen wir den Menschen über die Natur, so wird die ganze Natur ein reflexives Licht erhaschen von der Herrlichkeit der sittlichen Bestrebungen des Menschen." Dr. Adler zollt den alten jüdischen Propheten einen beredten Tribut. Er beendet seinen Vortrag in folgender schlagfertiger Weise: „Wie kamen die Gründer der jüdischen Religion zu dem intensiven Glauben, welcher heute so Vielen als unmöglich erscheint." Als Antwort hierauf will ich eine Szene beschreiben, die ich einst sah. doch nur im Geiste, aber so lebhaft und deutlich, daß sie mir beinahe als wirklich vorkam. Eines Nachts befand ich mich im Innern einer Kathedrale, welche spärlich beleuchtet war und eine unabsehbare Masse füllte den Raum. Doch herrschte tiefe Stille rings umher. Kein Laut wurde gehört, auch nicht das Rauschen eines Kleides. Als ich schärfer blickte, sah ich den Grund hierzu, denn diese Menschen waren alle tot. Gespenster, keine lebenden Menschen, und in weiter Ferne sah ich einen Geistlichen mit zum Segen erhobenen Händen, aber auch er war tot. Und als ich den Gängen entlang kam, sah ich einen kostbaren Katafalk vor dem Altar aufgestellt und darauf lag die herrlichste und majestätischste Gestalt, die meine Angen je erblickt, aber auch sie war tot. Dann hörte ich eine Stimme durch den großen Raum erschallen, die Worte Jesus wiedergebend: „Lasset die Toten die Toten begraben." Und da zum erstenmale lernte ich den vollen Sinn dieser Worte kennen, über welche ich schon so oft nachgedacht hatte. Diese majestätische Gestalt war die Religion und diese unabsehbare Menge waren ihre Anhänger, und vor meinen

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