Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1896)
- Date
- 1896-10-01
- Page
- Seite 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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221 Wann ist der Mensch sich selbst näher, der Wahrheit näher, der Aufrichtigkeit, der Ehrlichkeit, der Treue und der Reinheit näher, näher seinem Gotte, — als wenn er in der Abgeschlossenheit seiner Kammer, oder unterm offenen Himmelszelt, oder irgendwo unter dem Gefühle der edelsten Gesinnungen sich dem Beten hingiebt. Zn keiner Zeit stehen seine Charakterzüge in besserein Lichte, als wenn er in der Stille des geheiligten Ortes, unter dem Eindrücke der imposanten Formen der Baukunst und der ästhetischen Verzierungen, sein Gemüt den süßen Klängen der Musik hingiebt, auf- und abgetragen auf den erregenden Wellen der wechselnden Empfindung; seinen Geist zur Teilnahme der hehrsten Ideen erweckend, zum Ideale alles Schönen, Guten, Wahren sich erhebend, sein ganzes Herz erfüllt von ernstem, ehrlichem, freudigem und inbrünstigem Gebete In solchen Stunden erheben wir uns zur lichtvollen Erkenntnis der Bedeutung des Unendlichen und der Vollkommenheit in Weisheit und Güte, denn im Gebete wenden wir diese Erkenntnis auf den Schöpfer an, und weit davon entfernt dies hehre Geheimnisvolle in uns zu erklären, erweitern wir dadurch zum unendlichen Gedeihen und zur Vervollkommnung unsere Gedanken und unser Verständnis des Weltalls Gottes. Anstatt uns mit Angst und Bangen zu erfüllen, spornt das Gebet den Menschen zur Thätigkeit an, wie nichts anderes; muntert und kräftigt unseren Entschluß das Rechte zu thun, verleiht uns den Mut im Leben unsere Schuldigkeit zu thun, stärkt unsere Treue an's Ideale und ermöglicht uns unfern Charakter so zu entwickeln, daß unser Leben der Vollkommenheit Gottes gleiche. Eine Vereinigung der Männer und der Frauen, damit sie ihre selbstsüchtigen Bestrebungen im Gedanken versenken, und sich zum einfachen, reinen und idealen Gottesdienste hinzugeben, o welch zarte Brüderschaft der Hoffnung und der Sympathie bildet das nicht! Wenn sich Herz zum Herzen findet, Stimm' an Stimme sich reiht und unser ganzes Sein im Strome gleicher Empfindungen sich auflöst, welch eine Gelegenheit, welch ein Mittel bietet es, den Zweck der sittlichen Kultur zu erreichen, deren Grundlage auf der Verbrüderung der Menschheit und der gemeinschaftlichen Vaterschaft Gottes ruht. Doch die neue Bewegung verwirft den Gottesdienst „als impertinent, als eine Vergeudung menschlicher Thatkraft!" „Was wir brauchen," sagt ihr Befürworter, „ist Dichtung, Kunst, Bilder, Bildhauerei und Gesang in Sympathie mit unseren Ideen, die unser Aufstreben verkörpern!" Er will alle Hebel in Bewegung setzen, den Menschen zu Höherem zu erziehen, doch das beste aller Mittel, den Gottesdienst, verwirft er. Doch ist es überflüssig, die Vernunftgemäßheit und Notwendigkeit des Gebetes mit dem Jünger der ethischen Kultur zu verhandeln, er müßte denn an einen Gott glauben, denn nur zu Gott allein kann mau beten. In diesem Punkte existiert ein Wirrwarr im Lager der ethischen Kultur. Er spricht von Gott und Religion, aber er stellt die Humanität — eine unsichere