Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1896)
- Date
- 1896-10-01
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Das ist ganz und gar außerhalb unseres Gesichtskreises. Wir mögen nicht wissen, ob das Gebet Gott beeinflußt, doch ist es nicht unverniinftig es zu glauben. Aber das wissen wir, daß er die hohe Kraft und die Neigung zum Gebet in unser Herz gesenkt, daß in Augenblicken, in denen wir am besten unsere Abhängigkeit von seiner hehren Gewalt und Liebe erkennen, wir uns zu ihm hingezogen fühlen, wie das Kind zu seinen Eltern. Es ist so natürlich zu Gott zu kommen mit unserer Herzensbürde, als ein Kind zu seinen Eltern. Es ist natürlich, unsere Lust und unseren Schmerz, unser Hoffen und Wünschen, unsere Enttäuschungen, Sehnsucht und Bedürfnisse im Gebete kund zu thun, als es für die Vögel natürlich erscheint, ihre Melodien gen Hiinmel zu zwitschern, oder für die Insekten, bis zum Sterbetage ihre Klagen zu summen. Die Fähigkeit zum Beten ist das herrlichste Zeichen göttlicher Abstammung in der Menschennatur. Das Beten ist die reinste, hehrste und erhabenste Übung, die der Mensch verfolgen kann. Das Herz gedeiht am besten dabei. Es ist der Unterhalt der Seele, wie die Nahrung dem Körper. Man kann die Seele wohl mit anderer Speise nähren, aber nicht auf immer. Ohne diese sittliche Nahrung werden die moralischen Fähigkeiten bald erkalten, der Geist bald abgestumpft werden. . Das Gebet, wie wir wohl wissen, statt eine Vergeudung menschlicher Thatkraft zu sein, ist in seiner gehörigen Übung die höchste Anwendung der menschlichen Thatkraft. Wir dürfen mit der positivsten Bejahung wiederholen, daß obgleich wir nichts wissen iiber den Effekt unseres Gebetes auf Gott, wissen wir doch von seiner wohlthnenden Wirkung auf den Menschen, und daß es einen Einfluß zum Guten ausübt, wie nichts anderes in der Welt. „Der Mangel an Gebet," sagt der Talmud, „ist ein Zeichen des Mangels der Kultur." (Sota 22.) Die Förderer des Ethischen überspringen ihr Ziel. Sie wollen uns die höchste Kultur verleihen und doch verachten sie die besten Mittel dazu. Der bildende Einfluß, den das Gebet auf den Beter in reflexiver Weise ausübt, kann nicht genug geschützt werden. „Man hat bemerkt," sagt Lecky, „daß das Gebet durch ein Gesetz unserer Natur, und abgesehen von allen übernatürlichen Eingriffen, einen reflexiven Einfluß auf den Geist des Betenden ausübt, der wohlthätige Wirkungen nach sich zieht; derjenige, der sein Obliegen mit tiefem Ernste, mit unwankelmütiger Treue und mit lebhafter Vergegenwäxtigung des unsichtbaren Wesens darbringt, ist zu einer Stellung erklommen, die in sich selbst schon eine bedeutend günstige ist, für seine eigene Glückseligkeit sowohl, als auch zur Erweiterung seiner sittlichen Fakultäten! (llist. European Morias, vol. I. pag. 36.) Selbst Prof. Tyndall sagt: „In seiner reinen Form deutet das Beten auf eine Disziplin hin, welche wenige unter uns ohne moralischen Verlust versäumen können." („kopnlar Monthly“, Nov. 1872.)