Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1896)
- Date
- 1896-09-01
- Page
- Seite 207 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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207 der Mann erst am Abend holen. — Dann kam ein zweiter, vom Fieber geplagter Mann. Der Rabbi fühlte den Puls und schüttelte bedenklich das Haupt. „Ich fürchte um Dich" war sein Ausspruch (der Rabbi hat nämlich das Privilegium, auch die ältesten Leute mit „Du" anznreden, während diese kaum ihren Blick zu ihm zu erheben wagen). „Beim Eintritt in das Beth ha-midrasch wird man durch den Schmutz der Joschebim (der zugereisten Anhänger des Rabbis, die sich im Orte niedergelassen und von Bettelei leben, während Frau uub Kind zu Hanse darben) überrascht. Es sind ganz zudringliche Bettler, ebenso wie der Chasan (Kantor), der Haus- Schochet (Schlächter) und andere mehr. Am zudringlichsten sind des Rabbis Kinder und Enkel selbst, von denen jedes stets einen jungen Mann zur Begleitung hat, den es selbst ernähren muß. Sie drängen sich an jeden Fremden heran mit dem üblichen Gruß Schalom alechem („Friede sei mit euch"), und gleich dahinter verlangen sie Schaloin-alcchsm-Geld Da ihrer sechs sind und sie kleines Geld nicht nehmen, heißt es, recht tief in die Tasche greifen. Es ist selbstverständlich, daß ich den Kindern nichts gab. Dafür hatte ich aber ihre volle Frechheit (die Juden haben einen treffenden Ausdruck dafür: Chugpah) zu tragen. . ... „Es war unsicher, ob der Rabbi an diesem Tage noch praßen würde, (slavisches Wort: ausrichten, Audienzen erteilen). Die Leute, etwa 50 an der Zahl, waren unglücklich, da manche von ihnen weit herkamen, andere bereits drei Tage gewartet hatten. Doch endlich, um neun Uhr abends, ließ sich der Rabbi znm praven herbei. G.s Mutter hatte bereits alles Mögliche angewendet, um beim Rabbi vorgelassen 511 werden. An den beiden vorhergehenden Tagen suchte sie bei der Rebbezin, der Frau des Rabbis, sich einzuschmeicheln; und der Kaffee, der Zucker, der Wein und die klingende Münze haben bei der Rebbezin die Wirkung nicht verfehlt." In Verlad, gleichfalls in Rumänien, machte der nämliche Berichterstatter nicht weniger traurige Erfahrungen. „Ich begab mich," erzählt er, „zu einem der beiden Wunderrabbiner, die gerade in Verlad ihre Gastrollen gaben. Es giebt nämlich eine ganze Menge von Wuuderrabbinern, die genötigt sind von Zeit zu Zeit auf Reisen zu gehen, uni ihrem Beutel wieder aufzuhelfen. Und da die Dummen in keiner Stadt alle sind, so stehen sich die Rabbiner sehr gut dabei. Sie reisen iminer in Begleitung mehrerer Anhänger, einige tvrrden vorausgeschickt, rim seine Ankunft bekannt und für ihn selbst Propaganda zu machen. Hier war die gemietete Stube gedrückt voll. Der Rabbi saß oben an, in weißem Seidenkaftan, ilnd schien über ein wichtiges Theuia nachzusinnen. Die Chassidim selbst sangen, schrieen, tanzten, rissen sich um ein Stück Brot, das noch am Tische lag, und schimpften einander. Plötzlich bog sich der Rabbi zu einem Nebensitzeuden, um ihm etwas mitzuteilen. Sofort beugt sich alles zu und über den Rabbi, um wenigstens ein Wort des wichtigen Gespräches aufzufangen; aber die fortwährenden lauten Rufe: Ruhe, Ruhe! Schah, Schah! (ein Ausruf ähnlich unserem „Pst!")