Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1896)
- Date
- 1896-09-01
- Page
- Seite 206 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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206 Weber Wunderrabbis von Pastor I. Sitz mann in Berlin (Nathanael XII, 3 S. 88.) Von mächtigem Einfluß auf seine Umgebung und weit über die Grenzen des Landes hinaus ist der Wnnderrabbi von Bnhusch, eimem rumänischen Dörfchen. Ein Augenzeuge berichtet: „Buhusch ist ein elendes Nest, wie fast alle Örter, in denen solche Rabbiner sich ansiedelu. Der Rabbi daselbst genießt das höchste Ansehen in ganz Rumänien, seine Name ist Chajjim, weswegen er auch sein palastartiges Gebäude in der Form eines „Cheth" des hebräischen Anfangsbuchstabens seines Namens, aufbauen ließ. Seine und seiner Söhne und Schwiegersöhne Wohnungen sind mit allem Luxus und Komfort ausgestattet. Kostbare Teppiche bedecken nicht nur beu ganzen Fußboden, sondern auch alle Wände. Ein einziger Blick auf den Rabbi genügt, um zu erkennen, daß er den Freuden dieser Welt durchaus nicht abhold, daß die Askese in seinem Hause ein fremder Gast ist; ich habe noch keinen so dicken Wunderrabbi gesehen. Er sieht sehr klug oder vielmehr schlau, verschmitzt aus. Seine Lebensweise ist fast jeden Tag dieselbe. Vor vier Uhr nachmittags kann er von keinem Fremden gesehen werden. Um 10 Uhr morgens fängt das Morgengebet an. Ob er bis dahin gefastet, will ich dahingestellt sein lassen; sein Aussehen läßt so etwas nicht verinuteu. Das Gebet dauert bis zwei Uhr nachmittags und zwar in einem Zimmer neben den: Beth ha-midrasch, deni allgemeinen Gebethause, natürlich ungesehen von allen Leuten. Um vier Uhr macht er bei schönem Wetter eine Spazierfahrt, und ich brauche nicht erst zu sagen, daß seine Pferde die schönsten in der ganzen Gegend sind. Sein Kutscher lud mich ein, die Stallungen des Rabbis und seine Pferde zu bewundern, natürlich gegen gute Bezahlung. — Durch diese Spazierfahrt zwingt er seine Anhänger zu Ausgaben, die manchem sehr sauer ankommen; denn keiner von ihnen, der noch etwas Geld in der Tasche hat, wird es sich nehmen lassen, mitzufahren, wenn er dann auch hungern müßte. Auch ich ließ es niir nicht nehmen, mitzufahren; und ich muß gestehen, der Rabbi hat gar keinen schlechten Geschmack. In einem reizenden Thale, das von der wildschäumenden Bistritz durchströmt und von hohen Karpathenausläufeu eingeschlossen ist, niachten wir Halt. Nun konnte ich zum ersten Male das Angesicht des Rabbis sehe». Es muß ihm wohl unangenehm gewesen sein, daß ich ihn so scharf fixierte; denn er blickte immer und immer wieder auf mich. Er spazierte umher und erteilte Audienzen. „Da kam einer aus Odessa, er hatte eine Fischpachtung daselbst: dies Jahr sind die Fische im Preise sehr gefallen, voriges Jahr habe er das Vierfache verdient; der Rabbi soll ein Wort sagen, damit auch dieses Jahr gut ablaufe. Der Rabbi erkundigte sich genau nach den Arten, den Preisen der Fische, der Art des Verkaufs, dem Verdieilste, den sie trotzdem abwerfen. Das alles in abgerissene», von langen Pausen unterbrochenen Sätzen. Den eigentlichen Bescheid sollte sich