Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1896)
- Date
- 1896-09-01
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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198 freund. Und so bezeugte er, daß die göttlich schaffende Macht allein es ist, die den sittlichen Willen eingiebt und bestimmt. Die wahre ethische Kultur, die die allgemeine Verbrüderung der Menschen zu verwirklichen sucht, hat ihre einzige, und auch genügende Grundlage in der allgemeinen Vaterschaft Gottes. Eine Theorie des Gewissens oder der Ethik, die nicht auf dieser Grundlage beruht, konnte niemals bestehen, und ich glaube sicher, kann und wird nicht bestehen. Die ethische Gesellschaft ist ein Erzeugnis jenes „ethischen Idealismus", das Resultat der Abstraktionen der Philosophie des großen Emanuel Kant. John Stuart Will versuchte diese moralische oder philosophische Nutzbarkeit einem System anzupassen und es mit der Autorität einer Religion zu bekleiden, welches er die Religion der Humanität nannte. August Comte, der französische Positivist, und seine englischen Jünger suchten diese Idee, der Religion der Humanität, durch den Kultus einer universellen, sympathetischen Wohlthätigkeit der Menschen zu befestigen und ihm einen Kalender von großen und denkwürdigen Tagen beizugeben. Dieses System ist jedoch seines kindischen und extravaganten Wesens halber aus den Schulen verlacht worden, und doch ist der ethische Verein in Amerika bestrebt gewesen, dieselbe Aufgabe zu lösen. Wenn ein neuer Kalender, reich an großen und ereignisvollen Tagen, erfunden werden soll, welchen Grundsätzen ist da zu huldigen? Soll es einen Tag des Gewissens geben? Dann frage ich die Anhänger der ethischen Kultur, ob sie einen Tag ersinnen oder aufstellen können, mit gleich zarten und geheiligten Empfindungen, einen Tag, so hehr und feierlich, als der Versöhnungstag, welches der Tag des Gewissens ist. Soll das Prinzip der Freiheit gefeiert werden? Giebt es Tage höherer Weihe zu seinen Grundsätzen, die uns znm Geburtstage der Freiheit zurückführen, als die Überlieferungen und Berichte des Passahfestes? Soll es gelten, die Lehre zum Gesetz und sozialer Ordnung einzuführen? Wie kann das wohl eindrucksvoller geschehen, als den Geburtstag der Civilisation durch die zehn Gebote zu feiern? Abgesehen von der Tradition, bleibt es doch immer wahr, daß der geschichtliche Einfluß und die belebende Kraft dieser Tage zu bedeutend sind, als daß sie ignoriert werden können. Ich habe diese wenigen Beispiele nur angeführt, um zu zeigen, daß es weder nach der Philosophie noch nach der Geschichte gerechtfertigt ist, eine neue ethische Gesellschaft zu gründen. Ferner, zu welchem Nutzen würde es einer Gesellschaft gereichen, Festtage zu-feiern, die ja den Gottesdienst abschafft? Eine der Methoden, die das Judentum eingeführt, zur sittlichen und geistigen Pflege des Einzelnen und des Volkes, die wichtigste und eindrucksvollste aller Methoden, die des Gottesdienstes, wird von den Mitgliedern der ethischen Kultur verworfen. In dieser Hinsicht unterscheiden wir uns ganz und gar von