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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1896-09-01 · Heft 9 (1.9.1896) · p. Seite 197

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 9 (1.9.1896)
Date
1896-09-01
Page
Seite 197 (sequence 5)
Language
German
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197 ausruft: „Würden wir nicht selbst mit einem Hunde Erbarmen haben und sein Leben enden? Warum sollen wir denn einen Menschen in solchem Elend langsam dahinschwinden sehen?" Ähnlich mag Herr Adler znm Entschlüsse gelangt sein, daß es Zeiten geben dürfte, wenn das Leben eines Menschen für ihn und andere wertlos wird, zur Last für dessen Träger und für die Welt, daß es vernunftsgemäß, beendet werden möge. Als Gegensatz zu dem Falle, den ich nur erdacht, will ich einen in Wirklichkeit hinstellen. Dieser Mann verfiel thatsächlich dem Siechtum. Unter den schrecklichsten Schmerzen geriet er in einen jämmerlichen Zustand. Auf längere Zeit lag er unbewußt. Im Geiste der ihn Umringenden mag der Gedanke wachgerufen worden sein: O, daß wir ihm Helsen und ein Ende ans dieser elenden Lage machen könnten! Doch wnnderbarerweise kehrte ein Lichtstrahl der Besinmlng zurück. Er erinnerte sich seiner Knaben- und Schuljahre, seiner Lehrzeit im fernen Deutschland, und er sang noch einmal die alten Weisen, die er zu singen pflegte. Die um ihn Stehenden wurden durchschauert von dem zauberartigen Pathos der Scene, die immer ergreifender wurde, bis zuletzt, den Höhepunkt erreichend, er erschöpft zurücksank zur ewigen Ruhe. Wie können w i r uns zu bestimmen vermessen, welches der rechte Augenblick ist, wann die Seele vom Körper sich losringen soll? Das, was der große Schöpfer uns gegeben, soll auch er allein uns wieder nehmen, und keine frevelnde Hand soll sich unternehmen, das Licht eines bewußt- und vernuuftsvollen Wesens auszulöschen, dessen Seele, unter augenscheinlich totem Zustande, selbst in den letzten Augenblicken seines Lebens, noch fähig ist, sich zu erheben und seinem Schöpfer zuzujauchzen. Wenn das ethische System, welches auf der Nützlichkeitstheorie der Moral beruht, sich das Leben zu nehmen, für gerechtfertigt findet aus dem Grunde, daß, wenn das Leben uns nicht länger zusagt, es beendet werden soll, wie kann es dann der Rechtfertigung entgehen, das Leben eines Anderen zu nehmen, wenn das nicht länger von Nutzen zu sein scheint? Wenn das Recht des Daseins bloß die Frage, znm größten Wohle der größten Zahl ausmacht, wer soll dann feststellen, um wie viel sich der Mensch verdient machen muß, in der Welt leben zu dürfen? Joseph Tuckermann, ein berühmter Philanthrop, ging eines Tages die Straße entlang und sah an der Straßenecke einen Mann sitzen, dessen zerlumpter und Abscheu erregender Zustand die Blicke Aller von ihm abwendig machte. Ein einziges Mal in seinem Leben ließ der große Menschenfreund ein armes Geschöpf unbeachtet. Doch that er bloß einige Schritte, als auch schon sein Gewissen ihn mahnte, und er fragte sich selbst: Ist dieses Geschöpf nicht gleich mir mit Leben und Sinnen begabt? Hat es nicht ein Gewissen, wenn auch vielleicht entehrt? Hat nicht dieselbe geheimnisvolle Kraft ihn ins Leben gerufen? Daraufhin drehte er sich um, und bezeugte wiederum den wahren Philantropen, den echten Menschen-

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