Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1896)
- Date
- 1896-08-01
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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176 aber ich verstand sie. Ich erkannte es übrigens an ihrem Äußeren, sie war nichts weniger als fei» gekleidet, obwohl sie trotzdem vornehm aussah, aber sie wäre dies ja auch in Lumpen gehüllt gewesen. Wir gingen eine Strecke Weges nebeneinander. „Mein Mann", sagte sie, „hat jetzt wirklich einen Anhaltspunkt gefunden, meine Ehre zu verdächtigen. Jüngst kam er eines Abends nach Hause und stürzte wie rasend in mein Zimmer." „Weib", schrie er niir zu, „Du warst, ehe ich Dich heiratete oder vielleicht gar während der Ehe eine nichtsnutzige Person. - Ich war heute in der ... . Kirche bei dem Leichenbegängnisse eines christlichen Freundes und habe dort Dein Bild gesehen, als die heilige Maria. Du mußt einem Maler als Modell gesessen sein und man weiß ja, was Modelle sind." — Und dabei lachte er so grausain, daß mir das Blut erstarrte. Es war das erste Mal, daß ich log und falsch schwur, um des Friedens willen. Ich beteuerte, daß ich nie als Modell gesessen, konnte aber den Wurm in seinem Herzen doch nicht beschwichtigen und ich habe seitdem mehrmals schon Anspielungen darauf zu hören bekommen. Ich sprach mein Bedauern ans, daß auch ich mittelbar an ihrem Unglücke schuld sei. Sie wies aber mein Bedauern sofort zurück. „Nein/' sagte sie, „mein Mann thut mir weniger weh mit diesem Borwurfe, als wenn er mich mit grundlosen Eifersüchteleien quält." Bald erreichten wir die ersten Häuser des Dorfes, wo sie ihren Sommeraufenthalt hatte. Hier trennten wir uns und ich sah ihr lange nach, mit welcher Würde sie durch das Dorf ging. Wieder kamen mir dabei Entwürfe für biblische Bilder in den Sinn. So z. B. das der Naömi in ihrer Trübsal nach ihrer Rückkehr nach Bethlehem. Von nun an interessirte mich Rebekka ihres Unglückes wegen. Ich ließ von Zeit zu Zeit unauffälliger Weise Erkundigungen über sie einziehen und vernahm jedesmal zu meinem tiefsten Leidwesen, daß die materiellen Verhältnisse ihres Mannes immer mehr bergab gehen. Einmal fuhr ich durch die Wipplingerstraße und bemerkte aus meinem Wagen eine weibliche Gestalt, die an den Häusern dahin eilte — es war Rebekka. Unter dem Arm hielt sie ein Bündel, das sie mit ihrem Shawl zu verhüllen suchte. Es waren wohl die letzten Wertobjekte, die sie in eine Pfandleihanstalt trug. Ich fürchtete, sie zu beschämen, wenn ich ihr nacheilte und meine Hilfe anböte und unterließ es daher. Dann kam das Jahr des großen Krachs. Bei demselben mußte der Mann Rebekkas ganz zusammengebrochen sein, daß er selbst nicht mehr den Schein der Wohlhabenheit wahren konnte. Als ich einmal wieder Erkundigungen über sie einziehen wollte, wohnte sie nicht mehr in derselben Gasse und alle meine Recherchen