Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1896)
- Date
- 1896-08-01
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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175 blüht. Sie erkannte mich sofort und wurde leichenblaß. In höchster Erregung flüsterte sie mir an der Schwelle des Borzimmers zu: „Ich bitte Sie, nicht weiter zu gehen, wenn Ihnen an meinem Glücke gelegen ist. Ich bin die Braut eines reichen Börsianers- Seine Eifersucht hat keine Grenzen; wenn er nur ahnte, was ich Ihnen war, er ließe mich sofort sitzen und ich wäre wieder das arme Mädchen von früher, das wochenlange hungern mußte, wenn es sich ein neues Kleid machen wollte. Eilen sie weg, er -hat mich mit Aufpassern umstellt!" Von Herzen froh, daß das Mädchen ihr Glück gemacht hat, entfernte ich mich und nachdem ich kein weiteres Interesse an ihr hatte, vergaß ich sie auch bald. Nach ungefähr zwei Jahren führte niich der Zufall wieder in dieselbe Gasse, ohne daß ich mehr daran dachte, daß ich Rebekka hier zum letzten Male gesehen. Es war ein schöner Frühlingsvormittag. Alle Fenster der Gasse waren offen und an einem derselben stand eine junge Frau mit einem Kinde auf dem Arme. Ich erkannte in ihr sofort mein Modell. Dieselbe Keuschheit und Heiligkeit im Gesichte auch als Mutier, nur mit einem schmerzhaften Zug, der von seelischem beiden zeugte — eine Maria mit dem Jesukindlein auf dem Arme. Wie viel hätte ich dafür gegeben, wenn sie mir jetzt zu Modell gesessen wäre! Ich fürchtete, sie zu kompromittieren, wagte nicht, meinen Blick an ihr haften zu lassen und ging ohne sie zu grüßen, vorbei. Ein Jahr darauf begegnete ich ihr auf einem der einsamen Touristenwege einer Gebirgspartie bei einer der Sommerfrischen in der Nähe Wiens. Sie >var allein und weit und breit keine Menschenseele, ich konnte mir's daher diesmal nicht versagen, sie zu grüßen. Sie reichte mir die Hand und schien nichts dagegen zu haben, niich mit ihr in ein Gespräch einzulässen. Noch immer war sie wunderschön, wenn auch unverkennbar abgehärmt. Auf meine Frage, wie es ihr gehe, seufzte sie und wie um ihrem gepreßten Herzen Luft zu machen, fing sie nach einer Weile selbst an, mich über ihre Verhältnisse anfzuklären. „Es ist ein Unglück", sagte sie, „wenn ein armes Mädchen wegen ihrer Schönheit an einen reichen Mann koninit. Er glaubt erstens ein Recht zu haben, die Frau mit seiner Eifersucht quälen zu dürfen. Hat er sie doch erworben, wie ein Pascha eine Sklavin erwirbt, und zweitens ist ja der Reichtum, für den das arme Mädchen sich an so einen Mann hängt, um ihre Existenz zu sichern, ja oft nur Schein und am Ende ist das arme Wesen gekettet an einen Tyrannen, der noch dazu nicht einmal im Stande ist, sie vor materiellen Sorgen zu schützen." Sie unterließ es, diese allgemeine Bemerkung speziell auf sich anzuwenden;