Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1896)
- Date
- 1896-08-01
- Page
- Seite 173 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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173 fühlen durch den Schmerz, uns Alle vor dem Elend des Lebens zu retten, indem wir dem menschlichen Mitleid einen einzigen Altar errichten! Und da kommt eine Handvoll Narren, Dummköpfe und Schelme, die uns jeden Morgen zurufen: „Töten wir die Juden, fressen wir die Juden, massakrieren, vernichten wir sie, kehren wir zu den Scheiterhaufen und Metzeleien des Mittelalters zurück!" Daß sich in den Händen einiger Juden eine riesige Anhäufung von Schätzen vorfindet, sei zugegeben. Aber dieselben Reichtümer finden sich auch bei Katholiken und Protestanten. Die Volkswut ausbenten, indem man sie in den Dienst einer religiösen Leidenschaft stellt, den Inden besonders den Forderungen der Enterbten zur Beute hinwerfen, unter dem Vorwände, man überlasse ihnen den „Geldmenschen", das ist ein heuchlerischer und lügenhafter Sozialismus, den man festnageln und ausrotten muß. Wenn eines Tages das Gesetz der Arbeit für die Wahrheit und das Glück in Kraft tritt, dann wird die ganze Menschheit neu geschaffen und es thut wenig zur Sache, ob einer Christ oder Jude ist; denn die Rechenschaft, die man abznlegen hat, wird dieselbe sein, und ebenso die neuen Rechte und die neuen Pflichten. Zwingen wir uns an die Einheit aller Menschen, zu glauben, wenn wir Muth zum Leben bekommen undunseren Herzen einige Hoffnung erhalten wollen; dieser noch unklare Notschrei wird sich nach und nach entwirren, wachsen und sich heben, aus der Brust jedes Volkes emporsteigen, das nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden dürstet! Entwaffnet Euren Haß, liebt Euch in Euren Mauern, liebt Euch von Land zu Land, arbeitet daran, alle Rassen in eine einzige glückliche Familie endlich zu verschmelzen! Und sollte es noch tausende von Jahren brauchen, so laßt uns trotzdem an die schließliche Verwirklichung der allgemeinen Liebe glauben und fangen wir wenigstens daniit an, uns heute mit so viel Liebe entgegenzukommen, als das Elend unserer Zeit zuläßt. Lassen wir die Narren und die Schlechten zur Wildheit der Urwaldmenschen zurückkehren, wenn sie sich einbilden, mit Messerhieben Gerechtigkeit zu üben. Die Geschichte eines Woöetks. Zur Zeit des bekannten Berliner Sensationsprozesses gegen den Maler Gräfe wollte ich vom sittlichen Standpunkte über die Frage des Verkehrs der Künstler mit Modellen schreiben und habe mich zu diesem Zwecke viel in Künstlerkreisen bewegt, von denen mir einer Nachstehendes erzählte: „Ich war gerade an der Arbeit eines meiner anerkanntesten Bilder: Maria als Angetrante Josefs in der Vision mit dem Engel Gabriel, nach Lucas 1, und suchte nach einem Modell. Als strenger Naturalist wollte ich dazu nur eine Jüdin