Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1896)
- Date
- 1896-07-01
- Page
- Seite 166 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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166 nur die vorstehend skizzierte Auffassung des Bibelwortes uns die innere Befriedigung gewähren kann, die allein uns mit verständnisvoller Liebe für das Judentum zu erfüllen vermag. Denn bei einer solchen, das allmähliche Werden der heiligen Schrift berücksichtigenden Auffassung haben wir nicht mehr nötig, die Wunder der Bibel als wirklich geschehen auf Treu und Glauben hinzunehmen und dadurch der Vernunft und dem gesunden Menschenverstände Hohn zu sprechen, wie die jüdische und christliche Orthodoxie es thatsächlich verlangt, aber wir brauchen auch nicht mehr die Wunder als sinnlos zu verwerfen, wie jene oberflächlichen Kritiker, welche die ganze Bibel als ein überlebtes, veraltetes Buch bezeichnen, das unseren modernen Anschauungen nicht mehr entspreche, und wir haben endlich auch nicht mehr nötig, zu jenem verzweifelten Ausknnftsmittel zu greifen, welches, um die Bibel, zu retten, Moses zu einem gewaltigen Naturforscher 'stempelt, der seiner Zeit um Jahrhunderte vorausgeeilt sei, nein, wir erkennen jetzt die Wunder als das, was sie sind, als die allmählich entstandenen lieblichen Dichtungen der jüdischen Volksseele, mit welchen sie in überquellender Dankbarkeit das Andenken ihrer großen Männer ehrt. Wir brauchen dieses Sagenkranzes so wenig uns zu schämen, wie wir uns etwa zu schämen brauchen der annrutigen Sage vom Kyffhäuserberge, in dessen Schloß der große Kaiser schlummerte, bis das geeinte Deutschland zu neuem Leben ihn eriveckte. Nehmen wir nun diesen poetischen Schmuck von der Bibel hinweg, befreien wir den biblischen Stoff von den zahlreichen Wundern, die wir erst jetzt in ihrer Entstehung begreifen und in ihrer Bedeutung zu würdigen verstehen, — welch' reicher Schatz großer und herrlicher Gedanken bleibt uns dann noch übrig, welche Fülle erhabener Gesetze und unvergleichlicher Lehren, die das Buch der Bücher uns bietet und die vorbildlich bleiben werden für alle Zeiten und Geschlechter. Nicht ans den Wundern, nicht auf den poetischen Ausschniückungen sondern vor allem ans den Gesetzen beruht der eigentliche Wert der Bibel, und dieser Wert wird noch wesentlich erhöht durch die Thatsache, daß diese Gesetze nicht von Mose herrühren, sondern ans dem Volke heraus sich entwickelt haben und im Laufe der Jahrhunderte allmählich entstanden sind. Wie ganz anders klingt es doch, wenn wir sagen können: Israel selbst hat seine Lehren geschaffen! Sie sind nie und ninimer das Werk eines Einzelnen! Was für ein Verdienst >väre es auch für uns, wenn wir all' die bedeutsamen Gesetze der Bibel nur dein Mose verdankten, von ihm allein sie empfangen hätten, der doch nicht einmal eine israelitische Erziehung genossen, sondern am Hofe der Pharaonen groß geworden war? Dann wäre es nicht jüdischer, sondern egyptischer Geist, der diese Gesetze diktirt hätte, dann könnte man im günstigsten Falle von einer mosaischen, niemals aber von einer israelitischen Religion sprechen, denn dann hätte Israel als Volk keinen Anteil