Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1896)
- Date
- 1896-07-01
- Page
- Seite 164 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969823-2969831--4825-2974102- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
164 inneren Zionismus bekennen, weil dieser alles, was wir seit Mendelsohn errungen, in Frage stellen würde. Gewiß, wir wollen die hebräische Sprache als die Sprache unserer heiligen Bücher hochschätzen und ihr Studium Pflegen, wir wollen die Kenntnis des Judentums, seiner Lehre und seiner Geschichte unter unserer Jugend verbreiten. — Aber eine neuhebräische Litteratur zu schaffen und sich sprachfertige Kenntnis des Hebräischen anzueignen, ist auf westeuropäischem Boden widersinnig und unmöglich! — Es klingt das ja sehr plausibel und ist auch als Schlagwort für die große Masse wohlberechnet, wenn die Zionisten sagen: „Wir wollen es machen, wie die Polen, die Dänen u. s. w., welche auch gute Staatsbürger sind und trotzdem ihre nationale Sonderart in Sprache, Sitte u. s. w. Hochhalten." Aber dieser Vergleich ist falsch. Alle diese, die Polen, Dänen u. s. w. wohnen in einem bestimmten Gebiete zusammen und bilden dort die Majorität. Sie sitzen noch auf dem Erbe ihrer Väter, auf der Scholle, m demselben Lande, wo sie einst selbständig und Gebieter waren. Ganz anders verhält es sich mit den Juden, welche über Tausende von Städten und Dörfern zerstreut leben und deren Kultur und Geschichte ganz andere Bahnen gewandelt ist. An ihnen ist nur noch die Religion das nationale Besitztum. Aber, wenn wir auch alle diese Unterschiede nicht beachten wollten, so steht doch so viel fest, daß wir, falls wir uns innerhalb des Staates, in dem wir leben, als Nation, z. B. wie die Polen, aufspielen wollten, an die Wand gedrückt würden, daß wir nur so quietschten — wenn ich mich dieses Bismarck'schen Ausdrucks bedienen darf. — Ein großer Teil des Unrechts, das wir erdulden, schreibt sich ja gerade daraus her, daß man uns nachsagt, wir stünden deutschem Wesen, deutscher Art ferne und hielten als Nation solidarisch zusammen — zum Schaden und Nachteil unserer Mitbürger, Wenn die jungen Schwärmer in Berlin in die Welt Hinausposaunen: Wir wollen uns zusammenthun in Sprache, Litteratur und nationaler Eigenart, wie die Polen u. s. w. — dann darf man sich nicht wundern, wenn solche Erlasse kommen, wie jüngst der des Kultusministers an die Berliner Stadtgemeinde. M. H.! Die Zionisten verfallen in denselben Fehler wie die Antisemiten oder die einseitigen Dentschtümler — indem jene von jüdischer, diese von germanischer Kultnr reden. Die Kultur eines gebildeten Volkes ist meist eine sehr komplizierte Mischung, zu der viele Stämme und Völker 'beigetragen haben. Kann man sich ein germanisches Staatswesen denken ohne das Christentum, das doch in seiner wesentlichen Struktur eine Schöpfung jüdischen Geistes ist? Und weiter! Das Kulturleben des modernen deutschen Reiches ist in Politik, Handel, Gewerbe, Wissenschaft und Kunst in ganz bedeutender Weise durch jüdische Mitarbeit gefördert worden; ja, bei der Gründung des Reiches haben Männer jüdischen Stammes in der liebevollsten, aufopferndsten Weise mitgewirkt; ja, es ist fraglich, ob ohne sie die Sache so glatt verlaufen wäre. — Wir wollen ja nicht leugnen, daß durch jüdische Männer auch manches Unheil 'gestiftet und manches gethan