Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1896)
- Date
- 1896-07-01
- Page
- Seite 163 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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163 doch schon seit 50 Jahren gearbeitet wird, urteilen darf — ist an eine Überführung auch nur des vierten Teiles der sozial bedrängten osteuropäischen Juden nicht zu denken. Was nun die letzten idealen Ziele des äußeren Zionismus betrifft, so sind diese eben — Zukunftsmusik. Ob wirklich einmal in Zukunft, wenn das Erbe des „kranken Mannes" geteilt wird, ein europäischer Völker-Areopag die Juden feierlich zur Gründung eines Jndenstaates in Palästina auffordern wird, müssen wir abwarten — trotz des Briefes, den Herr Holman Hunt an das Jewish Chronicle gerichtet hat. Zur Aufnahme auch nur der Hälfte aller Juden würde übrigens der Flächenraum Palästinas nicht ausreichen. Und wie denken sich diese Herren Utopisten die Schließung der ökonomischen Lücke, welche die Entfernung der Juden aus den europäischen Staaten sckmffen würde? Es ist wahrscheinlich, daß, wenn in irgend eineni europäischen Kultnrstaate die Auswanderung der Juden größere Dimensionen annähme, die Regierungen einschreiten würden. Unter gleichen Umständen pffegt ja meist Gleiches in der Geschichte der Völker zu geschehen. Auch in der Vergangenheit gab es zionistische Bewegungen. Vor ungefähr 600 Jahren wunderte der berühmte Meir von Rothenburg nach Italien, um von da mit vielen anderen Juden der Main- und Rheingegend nach Palästina zu gehen. Unerhörte Gelderpressungen seitens der Fürsten und des Adels, Verfolgungen und Quälereien seitens der Geistlichkeit und des Volkes hatten viele jüdische Familien der Rhein- und Maingegend veranlaßt, den Verzweiflungsschritt einer Auswanderung nach dem Lande der Väter zu unternehmen. Es war zu erwarten, daß, wenn es Rabbi Meir gelang, das heilige Land zu erreichen, die jüdische Auswanderung größere Dimensionen annehmen würde. Rabbi Meir wurde in Mailand erkannt, festgenommen und auf Veranlassung des Kaisers Rudolph in den Turm von Ensisheim im Elsaß gebracht, wo er bis zu seinem Tode in Hast blieb. Der Kaiser sah sich zu diesem Schritte veranlaßt durch die ganz richtige Befürchtung, daß noch andere seiner getreuen und wohlhabenden „Kammerknechte" ihrem hochverehrten geistlichen Oberhaupt Nachfolgen möchten und er dadurch eine seiner ergiebigsten Geldquellen verlieren werde. Nun, das Gleiche gilt, wenn auch in anderer Weise, für die Gegenwart. — Das Verschwinden der Juden aus den europäischen Staaten würde für dieselben finanziell und handelspolitisch sehr bedenklich sein. Das Beispiel Spaniens ist in dieser Hinsicht charakteristisch. Aber wenn auch alle Utopien, welche die Schwärmer für Judas Zukunft im gelobten Lande hegen, erfüllbar wären, so hätten wir doch keinen Grund, uns für die Zukunftsmusik des äußeren Zionismus zu erwärmen, wenn wir bedenken, daß die Wortführer der Orthodoxen, die doch täglich um die Zurückftihrung ins heilige Land beten, diesen Utopien sehr skeptisch gegenüberstehen. — Beweis die Kritik, welche die Herzl'sche Broschüre in den orthodoxen Berliner Zeitungen erfahren hat- Ganz und gar müssen wir deutschen Juden uns aber als Gegner des