Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1896)
- Date
- 1896-07-01
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Die erstere Wahrheit anerkennt und lehrt heute auch die weltliche Wissenschaft — an das zweite Ideal: an den Fortschritt der Humanität, glaubt die bessere Menschheit. Und wenn diese Ideale dennoch bis nun nicht ganz erreicht wurden, so ist dies wahrlich nicht die Schuld des Judentums, so liegt dies vielmehr in dem heidnischen Sensualismus, in dessen Bann das Gros der Menschheit noch immer befangen ist, so daß die Worte des Dichters gerechtfertigt erscheinen: Daß in der Wiege die Menschheit noch liege beweisen zur Genüge: Mönch', Sclave und Kriege. Darum ist unsere Mission noch nicht zn Ende. Darum besteht unsere Aufgabe darin, mit allem Aufwande unserer Kräfte gegen diesen Geist der Finsternis, der zugleich der Geist der Ungerechtigkeit ist, anzukämpfen, dem Dogmatismus und Klerikalismus, diesem konsequenten Feinde der Aufklärung, des Fortschrittes und des Judentums, den Boden möglichst zu entziehen. Wir sehen, wie feindlich derselbe dem kühnen Aufschwünge des menschlichen Gedankens stets entgegentritt, mit welcher Schadenfreude er jeden Mißerfolg, jeden Irrtum der Wissenschaft verzeichnet, wie er den Bankerott der Wissenschaft ausschreit und Jubelhymneu anstinnnt, wenn hie und da ein Forscher, die Grenzen des Naturerkennens einsehend, an der Lösung mancher Welträtsel verzweifelt und resignirt ansruft: „iguoramus et ignorabimus“. *) Hier heißt es: Freue dich nicht Israel nach Art der Völker! Wir haben keinen Grund die Resultate der wissenschaftlichen Forschung zu fürchten und den Mißerfolg oder den Verfall derselben herbeizuwünschen. Wir haben vielinehr als Menschen und als Juden ein doppeltes Interesse daran, daß immer mehr Licht verbreitet und dadurch gleichzeitig der jesuitischen Rückständigkeit Halt geboten werde, und hierin sollen uns unsere Geistesheroen der spanisch-jüdischen Blütezeit als leuchtendes Muster dienen. Wir müssen daher streben, die freie, ernste, wissenschaftliche Untersuchung nach Kräften zu fördern, unbeirrt durch die feindselige Znrückdrüngung an der Kulturarbeit der Nationen Mitarbeiten, Aufklärung bei uns nach jeder Richtung hin verbreiten, unseren Glauben von Schlacken und abergläubischem Beiwerk befreien, dem Obskurantismus überall, auf jedem Gebiete und in jeder Gestalt, entgegenzutreten, um dadurch einerseits unseren Glauben in seiner ganzen Reinheit erstrahlen zn lassen, und andererseits das Nachtgespenst des Kleeikalismus zu verscheuchen und den Haß unseres Erbfeindes ohnmächtig *) 8. Brunetiere, le bitnyiierouto de la seienee und Puter Delicti, der große Bankrott der Wissenschaften.