Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1896)
- Date
- 1896-07-01
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969823-2969831--4812-2974089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
151 Müdigkeit, die Juden in jene Länder verstreut wurden, in tvelcheu der neue Glaube immer mehr Boden faßte und mit dem Emporsteigen zur Herrschaft auch die Duldsamkeit abstreifte. Die Kirche glaubte sich im Besitze ihres Erbes nicht sicher, iusvlauge derjenige lebte, welcher das Recht seiner Erbin verneinte. Jetzt galt es daher, die Widerspenstigen auf ihre Seite hinüberznziehen oder sie mit Stumpf und Stiel aus der Welt zu schaffen. Daher die Bekehrnngssucht, daher die Haß und Verderben athmeuden kanonischen Jndengesetze, die blutigen Verfolgungen, die Veranstaltung von Disputationen. Aber dieser Kampf, der von Seiten des Judentums ein defensiver war und nur mit der Waffe des Geistes geführt wurde, Irrig wesentlich zur Stärkung der jüdischen Idee und zu deren Verpflanzung in die Menschheit bei. Schon die Disputationen, von denen sich die Kirche einen Vorteil für ihre gute Sache versprach, wirkten in entgegengesetzter Richtung und mochten wohl in gar manches gläubige Christenherz den Stachel des Zweifels hineingetragen haben. Die sich herausbildende Apologetik, ursprünglich nur Abwehr bezweckend, wandte in der Folge oft den Spieß zum Angriffe auf ihren Gegner um und suchte seine Achillesverse zrr treffen. Aus diesem Arsenal holten sich dann auch fremde, nichtjüdische Gegner der Kirche schneidige Waffen zum Angriffe derselben. Seit den im zweiten Jahrhundert von Juden verfaßten Contraevangelien, welche den Kirchenvätern so viele Verlegenheiten bereiteten, bis zu Friedrich dein Großen, Voltaire und andern Freigeistern, gingen alle Gegner des Kirchenglaubens zu jüdischen Schriftstellern, insbesondere zu Isaak Troki, dem Verfasser des „Chisuk-Emuna" in die Schule und holten sich hier das Material zu ihrer wirksamen, zersetzenden Polemik. Dieser Unistand erklärt uns auch die heftige Wnth der Kirche gegen das jüdische Schriftthum und ihr eifriges Bestreben, den Talmud und die späteren litterarischen Erzeugnisse des jüdischen Geistes durch Feuer zu vernichten. Aber auch diese Bemühungen der Kirche verfehlten ihren Zweck und brachten eine entgegengesetzte Wirkung hervor. Und hier sehen wir wieder das Judentum nachhaltig auf die Gestaltung der neuen Welt einwirken. Denn eben der Streit, den die Kirche über den Wert der jüdischen Bücher provozierte, hatte zur Folge, daß Renchlin und andere tüchtige Kenner des Hebräischen eine Lanze für die jüdische Litteratur einlegten. Ein heftiger Kampf entbrannte für und wider dieselbe. Die bedeutendsten Männer des Zeitalters, Universitäten, traten in die Arena, und der Kampf endigte mit dem Siege des jüdischen Schrifttums und — mit dem Erscheinen eines Mannes, der berufen war, mit mächtiger Keule, mit der Bibel in der Hand, eine weite Bresche in das morsche Gebäude der Kirche zu schlagen — mit dem Erscheinen Martin Luthers!