Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1896)
- Date
- 1896-07-01
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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150 werflichkeit ihres sittlichen Verhaltens maßte ihr immer deutlicher zum Bewußtsein kommen. Allein es fehlte ihr die Kraft, sich zur idealen Höhe der jüdischen Gotteslehre zu erheben. Es traten daher Männer auf, welche eine gewisse Vermittlungsaktion unternahmen, welche, um einen Teil der jüdischen Lehre in's Heidentum einzuführen, letzterem große Konzessionen machten, das Judentum wesentlich verdünnten, um es dem verwöhnten Geschmacke der Heiden mundgerecht zu machen — und so entstand jene Religion, die Dank der Duplizität ihres Wesens propagationsfähig wurde und sich den Weg in die Welt bahnte, die aber, eben durch diese Doppelgestalt, zur Feindin ihrer Mutter, des Judentums werden mußte. Aber nicht nur mittelbar, durch das Christentum, gab das Judentum dem Geistesleben der Menschheit einen mächtigen Anstoß, sondern es wirkte auch eine Zeit lang direkt auf die Gemüter der tief anfgerüttelten heidnischen Welt. Es ist nämlich eine irrige Ansicht, als ob das Judentum stets nur National-Religion bleiben wollte.'und nie einen gewissen Bekehrungseifer an den Tag legte. Dies mag insofern zugegeben werden, als das Judentum — mit Ausnahme der gewaltsamen Bekehrung der Jdumacer — die Prvselytenmacherei nie mit Feuer und Schwert betrieb. Daß es aber die Aspiration hatte, Weltreligion zu werden, wie ihm dies seine Propheten verkündeten, und daß es zu einer Zeit, etwa zwei Jahrhunderte vor und zwei Jahrhunderte nach der gewöhnlichen Zeitrechnung , seine Thore dem hereinströmenden Heidentum' weit öffnete und eine Menge ganzer und halber Neophyten in seinen Schoß aufnahm — das unterliegt keinem Zweifel. Dies ersehen wir aus den vielfachen Bekehrungsgeschichten, die uns die talmudische Überlieferung aus jener Zeit aufbewahrte, wie nicht minder aus den Berichten zeitgenössischer griechischer und römischer Schriftsteller, die gegen den Übertritt ihrer Landesleute zum Judentum eifern und sich wegen der Überhandnahme des jüdischen Geistes sehr ungebärdig zeigen *). Für viele dieser Prvselyten, zumal für die „metuentes“, die nur gewisse Sitten und Gebräuche der Juden beobachteten, ohne das Zeichen des Bundes angenommen zu haben, war das Judentum zwar in den meisten Fällen nur ei» Übergangsstadium zum Christentum. Viele jedoch traten ganz in die Gemeinschaft Israels ein und bewahrten dem angenommenen Glauben unverbrüchliche Treue. Erst später, als man mit den Neubekehrten, sowohl in politischer als religiöser Beziehung, zumeist bittere Erfahrungen machte, schloß sich das Judentum wieder enge ab und gab seinem gerechten Ärger über die erfahrenen Täuschungen in den Worten Ausdruck: „Proselyten sind ein schädliches Gebreste am Körper des Judentums". Diese Abschließung nach Außen war ein um so größeres Gebot der Selbsterhaltung, als durch den inzwischen eingetretenen Verlust der politischen Selbst- *) lieinacl), fontes rer um iuilaicarum p. 123 et 237.