Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1896)
- Date
- 1896-07-01
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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149 Erst wahrend der zweiten Epoche, während des zweiten jüdischen Staatslebens begann die eigentliche Kraftentfaltung der jüdischen Idee und ihre Wirksamkeit ans die heidnische Welt, und dies zuerst mittelst der Bibel im griechischen Gewände, mittelst der Septuaginta. Die heilige Schrift, dieses Buch der Bücher, von welchem auch Gothe, der „große Heide", sagt, daß er ihm zum großen Teile seine Bildung verdankt, war bis znm Beginne des dritten Jahrhunderts vor der gewöhnlichen Zeitrechnung für die heidnische Welt ein Buch mit sieben Siegeln. Erst durch die Uebersetzung derselben in's Griechische, in die Sprache, welche damals die ganze zivilisirte Welt redete, wurde sie andern Völkern zugänglich, wurde ihr Inhalt zum Gemeingut der Menschheit gemacht. „Die Septuaginta", bemerkt zutreffend ein bedeutender Schriftsteller, „war der erste Apostel, welchen das Judentum zur Bekehrung der Welt ausgeschickt hat." Man kann sich auch den mächtigen, geradezu verblüffenden Eindruck denken, den dieses Werk ans die damalige Menschheit ausgeübt haben muß. Eine neue Welt von Anschauungen, Empfindungen und Grundsätzen öffnete sich hier dem denkenden Heiden. Insbesondere waren es die philosophisch gebildeten Griechen unb Alexandriner, die ganz erstaunt diesem originellen Geistesprodukte gegenüberstanden, sich von demselben halb angezogen, halb zurückgestoßen fühlten, bis die Schule der jüdischen Nenplatoniker mit dem großen edlen Denker Philo an der Spitze, sie allmälich mit dem Geiste derselben vertrant machte und durch alle gorische Erklärung der heiligen Schrift die griechisch - philosophische Anschauungsiveise mit der jüdischen zu versöhnen suchte. So sehen wir das Judentum um diese Zeit in mannigfacher Beziehung daran arbeiten, die Ideen des Morgenlandes mit denen des Abendlandes zu verschmelzen, indem es einerseits in Ägypten durch die jüdisch - alexandrinische Philosophen-Schute auf den Neuplatvnismus wirkte, andererseits in Palästina durch den Essenismus, den Vorläufer der Kabbala, einen nachhaltigen Einfluß auf die Gnosis übte *). Solcherweise wurde der Boden zur Entstehung der neuen Lehre, des Christentums, geschaffen. Durch das Heraustreteil der Bibel aus dem engen Kreise des hebräischen Idioms, ferner, durch das Bestreben der jüdisch - alexandrinischen Gelehrten, den Lehrinhalt der heil. Schrift mit dem Philosophemen der griechischen Denker in Einklang zu bringen, drang immermehr die Überzeugung in die heidnische Welt, daß sie bis nun in einer argen Verblendung begriffen war und daß hier das Bessere, das Wahre vorliege. Die Nichtigkeit ihrer Mythologie und die Ver- *) Siehe Zeller, Geschichte der griechische» Philosophie S. 275 und Munk, La philo sophie ehess les Juifs p. 17.