Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 16 (1896)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1896)
- Date
- 1896-07-01
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
- Tacitus 1× ep/1025676
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147 Das Studium unserer National-Geschichte ist aber nicht nur nützlich, sondern auch im hohen Grade interessant. Zwei Momente sind es vorzüglich, welche die Geschichte Israels besonders anregend machen, das Studium derselben zn einem der anziehendsten gestalten: Erstens. Jede andere Nationalgeschichte ist die Lebensbeschreibung eines einzelnen Volkes, wie es entsteht, sich entwickelt, mit einigen Nachbarvölkern in Berührung kommt, seinen Höhepunkt erreicht, seinem Verfalle sich zuneigt und untergeht. Die Geschichte unseres Volkes hingegen streift in ihrem Laufe alle Knlturnationen der Welt und wird darum von so reicher Mannigfaltigkeit. Sie bringt uns in enge Berührung mit Egypten, Assyrien, Babylonien, Persien, mit dem griechischen, macedonischen und römischen Reiche, sowie mit allen Völkergruppen und Staatengebilden des Mittelalters, der neueren und neuesten Zeit. Alle treffen wir auf dem Wege, wenn wir einen Gang durch die Geschichte dieses ewigen Volkes machen. Zweitens. Israel war das erste Volk, das sozusagen die Philosophie der Geschichte begründet hat *), das einen Weltgedanken im wirren Treiben der Völker herausgeahnt, eine leitende Hand, einen Zweck im Leben der Nationen erkannt, die Geschichte als das Weltgericht proklamirte. Israel stellte zuerst den Grundsatz auf, daß Völker durch Tugend gedeihen und durch Laster untergehen, und erscheint somit als Begründer der Idee einer sittlichen Weltordnung. Davon weiß weder die alte Göttersage etwas zu erzählen, noch die heidnische Geschichtsschreibung, darüber schweigen Hesiod und Homer ebenso, wie Herodot und Tacitus. Es heißt zwar schon in den alten homerischen Gesängen, daß die himmlischen Mächte in die Schicksale der Völker eingreifen und sie nach ihrem Willen lenken. So wird der Ausgang des Trojanischen Krieges als eine Verwirklichung des Willens Zeus'hingestellt: „So ging der Beschluß Zeus' in Erfüllung", heißt es in der Jliade. Allein dort sehen wir die Götter nur Partei ergreifen für ihre Lieblinge, ans reiner Willkür, ohne sittliche Motive, ohne Rücksicht auf Recht und Gerechtigkeit, ja zumeist wider alles Recht und jede gute Sitte. — Ich will es versuchen, meine Herren, hier einen kurzen Blick auf die Geschichte Israels zu werfen und namentlich zu zeigen, wann und inwiefern das Jndentum auf die geistige und moralische Entwicklung der Menschheit eingewirkt, ihr den Stempel seiner Geistesrichtung aufgedrückt hat. Diese Einsicht wird uns auch als Fingerzeig dienen zur richtigen Auffassung unserer Aufgabe und als Richtschnur für unser Verhalten in Gegenwart und Zukunft. — Der Geist, das Wesen des Judentums läßt sich kurz mit den Worten des vorletzten Propheten kennzeichnen, welche lauten: Liebet die Wahrheit, liebet den *) S. Darmstetcr, Les prophetes d. Israel, p. 169 it. Paulsen, Einleitung in die Philosophie S. 294.