Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1896-07-01 · Heft 7 (1.7.1896) · p. Seite 146

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
16 (1896)
Issue
Heft 7 (1.7.1896)
Date
1896-07-01
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2969823-2969831--4807-2974084
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

146 In der Nacht der feindseligen Bedrückung, der fanatischen Verfolgung — da ist es die Feuerfäule, die flainmeiide Begeisterung für die idealen Güter der Nation, die ihm auf dem Pfade des Lebens voranlenchtet. Sobald es aber zu tagen beginnt, sobald die Sonne der Duldung, der Freiheit, der Gleichberechtigung am Horizonte sich zeigt — da stellt sich ihm die Wvlkensäule voran, da ist es die kühle Berechnung, das materielle Interesse, die Gleichgiltigkeit für die geistigen Schätze seiner Vergangenheit, welche das Leitmotiv all seines Strebens und Handelns bilden. Von dieser historischen Wahrnehmung ausgehend können wir daher mit Recht sagen: „Was die Vorsehung thut, gereicht zu unserem Wöhle". Auch die judenfeindliche Strömung, die sich in neuerer Zeit mit solcher Intensität herausgebildet hat, ist eigentlich zu unserem Heile, denn sie facht wieder das heilige Feuer an, welches in unserem Herzen zu erlöschen begann, sie mahnt uns zur Samnilung, drängt uns zum Anschluß an einander, zur Rückkehr zu jenem gesunden und unerschöpflichen Born, ans dem unsere Vorfahren Labung geschöpft, so daß wir »»fern Feinden zurufen können: „Ihr habt es wohl auf unser Verderben abgesehen, allein Gott lenkte es zil unserem Besten". Es bewährt sich somit auch hier der bekannte Dichterspruch von der Nützlichkeit des Feindes, der uns lehrt „was wir sollen", welche Mängel wir abzulegen, welche Tugenden wir uns anzueignen haben. Um daher rechten Nutzen aus dieser judenfeindlichen Bewegung zu ziehen, und nicht vielmehr, wie es in der Natur der Reaktion liegt, in jenes entgegengesetzte Extrem getrieben zu werden, wo uns unsere Feinde am liebsten sehen möchten, in das Lager nämlich des bilduugsscheuen Koufessionalismus und der nationalen Scheidung, müssen wir uns in erster Reihe darüber Klarheit zu verschaffen suchen, was uns frommt, was uns naturgemäß ist, worin unsere Kulturmission, unsere Aufgabe in der Weltgeschichte besteht, welchen Entwickelungsgang sie im Laufe der Zeit genommen, und wie wir ihr in Zukunft am besten gerecht werden können —. Die geeigneteste Quelle, wo wir uns Rath and Belehrung in dieser Hinsicht holen können, ist die Geschichte unseres Volkes. In ihr spiegelt sich der Geist, die Tendenz, die Bestimmung der Nation ab. „Historia magistra vitae“, sagten die Römer. Was die Erfahrung für den einzelnen Menschen, das ist die Geschichte für das gcsammte Volk. Sie ist die Fundgrube seiner Erfahrungen, denn sie stellt seine Erlebnisse und Schicksale in einem causalen Zusammenhänge, in pragmatischer Weise dar und lehrt uns so, die Vergangenheit als Maßstab für die Gegenwart gebraucheil. Darum ruft auch der größte Prophet Israels ans dem Sterbebette seinem Volke zu: Gedenke der Tage der Vorzeit, lerne die Schicksale vergangener Geschlechter begreifen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.